Zum Textbeginn
Ort:

Japanische Zeitrechnung und Kalender

(von Adi Meyerhofer)

Periodisierung

Zur politischen Periodisierung gibt es weniger hinsichtlich der Jahre als zu den Bezeichnungen unterschiedliche Auffassungen. Für die vor-schriftliche Zeit verwendet man üblicherweise die Kulturepochen Jomon (Paläo-/Mesolithikum; bis 300 v.u.Z.), Yayoi (Bronze-/Eisenzeit; bis ca. 300) und Kofun (nach der Art der „Schlüsselloch“-Kaisergräber; 300–600). Traditionelle Geschichtsschreibung beginnt mit dem Götterzeitalter und den legendären Tennōs, mit der „Reichsgründung“ 660 v.u.Z. mit Jimmu. Die Regierungszeiten seiner „Nachfolger“ bis zumindest Ōjin werden mit „trad.“ gekennzeichnet. Auf halbwegs gesichertem Boden befindet man sich frühestens ab Suiko/Shōtoku Taishi (um 600) und der Einführung der nengō (Jahresdevisen nach chinesischem Vorbild).
Üblicherweise benennt man die folgenden Perioden des Mittelalters nach den Tennō-Residenzen: Asuka – (Hakuhō) – Nara (710–784/94) – Heian (bzw. in der Spätzeit Fujiwara), gefolgt von den Bezeichnungen der Bakufu (Shogunate): Kamakura (bis 1133/4) – Ashikaga (oder Murimachi; 1338 bis 16. Jhdt.) – Sengoku („kriegführende Staaten“) – Tokugawa (1600/15–1853/68). Der Übergang von der Sklavenhalterhaltergesellschaft zum Feudalismus mit Leibeigenen erfolgte mit den Taika-Reformen (645–702), der bis zum Ende des Mittelalters mit der „Öffnung“ des Landes andauerte. Zwar gab es bereits im 18. Jahrhundert zumindest in den Handelsstädten frühkapitalistische Strukturen, jedoch konnte sich dieses moderne Ausbeutersystem erst nach der Meiji-„Restauration“ entfalten, wobei man innerhalb vierer Jahrzehnte zum Hochkapitalismus und bis zum Ende des ersten Weltkriegs zum Monopolkapitalismus gelangte.

Jahreszählung

60 Jahre Zyklus
Das einer Zeichenkombination entsprechende Jahr findet sich auf dem Schnittpunkt der durch dieses Zeichen markierten senkrechten und waagrechten Spalte.
Erste Jahre der Zyklen (A. D.): 664, 724, 784, 844, 904, 964, 1024 …

Monate und Jahre: Grundlage der altjapanischen Jahreszählung bildet der 60er-Zyklus (zur Jahreszählung ab dem 1. Jhdt. in Gebrauch), der jedoch über längere Zeiträume nur bei gleichzeitiger Angabe des Herrscherjahres (ch. Vorbild Wu-ti, ab 140) eindeutige Angaben erlaubt. H. B. gibt Jahre (toshi, wie in seiner Vorlage) in japanischer Zeitrechnung also Kaiser- oder Äranamen (Nengō, eingeführt 645), mit dem entsprechenden christlichen Jahr als Anmerkung. Diese wurden in den Text eingefügt. Weiterhin gibt Kyōkai – heute schwer verständliche – Tagesangaben des Tierkreis- und Elementzyklus (kanshi; 60er-Zyklus; 干支), Bohner diese in Übersetzung. Auf eine Umrechnung wurde verzichtet, da dem Interessierten entsprechende Umrechnungswerkzeuge zur Verfügung stehen.
Hinoeuma (丙午; 43. Jahr) gilt als ein Jahr großen Wandels, in solchen Jahren geborene Mädchen gelten als einem Leben voller Mühsal und Unrast vorherbestimmt. Wie tief dieser Aberglaube noch im Volk verwurzelt ist, zeigt sich an den Geburtsziffern 1965: 1,82 Mio., 1966: 1,36 Mio. (-26%), 1967: 1,93 Mio.

Die zuständige Behörde innerhalb Ritsuryō-systems war das Anmyōryō (陰陽寮), das sich auch mit der Interpretation verschiedener Omina befaßte. Bis zur Einführung des gregorianischen Kalenders (グレゴリウス暦) in der Meiji-Zeit wurde wie in China1 das System des sog. gebundenen Mondkalenders verwendet, bei dem der Neumond den Monatsersten kennzeichnet.
Ein Jahr bestand aus 12 Monaten mit 29 und 30 Tagen. Um die entstehenden Differenzen zum Sonnenjahr auszugleichen, wurden zusätzliche, interkalendarische Monate eingefügt. Allerdings geschah dies in Japan nicht nach einem regelmäßigen System. Die Jahreslänge variierte zwischen 353 und 385 Tagen, meist waren es 354, 355 oder 384 Tage (Durchschnitt aller: 365,256 d). Somit gibt es bei der Umrechnung von traditionellen japanischen Monats- und Tagesangaben in ein westliches Datum eine Differenz von oft meist 28-30 Tagen (innerhalb einer Spanne von 6–45). Das japanische Neujahr, mit dem umfangreiche zeremonielle Handlungen bei Hofe verbunden waren, wäre am häufigsten mit 31. Januar zusammengefallen, jedoch sind Abweichungen im Bereich 14. Jan bis 22. Feb. vorgekommen. Im wesentlichen bestand der auf dem chinesischen Yüan-chia-li von 604 basierende Kalender, der als Semmyō-reki 763 festgeschrieben und 857 sowie 861 modifiziert wurde 823 Jahre lang unverändert.
Japan importierte geringfügige Kalenderreformen, die sich meist auf die Schaltmonate auswirkten, aus China. Erst nach 1755 wurde auf eigene Berechnungen zurückgegriffen. (Als Kuriosität sei auf das Nengō Tengen hingewiesen, das umgerechnet 978 beginnend in seinem 元年 nur einen Tag, nämlich den 31. Dez. dauerte.) Der Jōkyō-Kalender (貞享暦) war der erste Kalender nach japan. Methode, entworfen von Shibukawa Harumi (渋川春海, 1685-1754), der als Kansei-Kalender (寛政暦) von Takahashi Yoshitoki (高橋至時) überarbeitet wurde. Die jährliche Ausarbeitung – im achten Monat – zur Tokugawa-Zeit oblag dem Temmonkata. Am 9. Dez. 1872 wurde im Rahmen der „Modernisierung“ der westliche Sonnenkalender (taiyōreki) – in der Eile auf julianischer Berechnungsgrundlage – eingeführt. Auf 1872/12/3 folgte der 1. Januar 1873.2 1898 wurde dann die gregorianische Berechnungsgrundlage im Gesetz festgeschrieben.
. Die Kigen-Zählung nach dem legendären Regierungsantritt des Jimmu-Tennō (traditionell 660 v. Chr.) ist ein Konstrukt der Meiji-ära.

Yin Yang Mond
Die kosmischen Potenzen Yin und Yang,5 die Mondphasen und die 8 Kua in der Anordnung des Fu-Hi.

Die Jahreszeiten wurden gemäß dem chinesischen (Mond-)Kalender in 24 Abschnitte (節氣) zu je 15 Tagen eingeteilt (Die Terminologie entstammt dem Bauernjahr und berücksichtigt die in Westjapan vorherrschenden Witterungsbedingungen. Die Differenz zum Kantō beträgt etwa einen Monat). Die Endpunkte dieser Abschnitte wurden als Knoten- (sekki) oder mittlere Punkte (chūki) bezeichnet. Ein Mondmonat sollte je einen enthalten. Aufgrund der Differenz zwischen Sonnen- und Mondjahr kam es zu Verschiebungen. Wenn sich dann der chūki bis zum Monatsletzten verschoben hatte, wurde ein Schaltmonat (uruuzuki; ( [じゅん] ) eingefügt, das verschieden lang sein konnte. Dies geschah etwa sieben Mal innerhalb neunzehn Jahren, im Schnitt also jedes dritte Jahr. In der Darstellung japanischer Daten werden diese als i… oder int. gegeben (z. B. Wadō 4/i6/8). Schaltmonate folgten der Nummer des Vormonats, d. h. ein auf den dritten Monat folgender Schaltmonat wäre „i3.“ Die abweichungen zwischen Mond-/und (dem westlichen) Sonnenkalender betrug am wenigsten 1553 (15 Tage) und war mit knapp acht Wochen 1621–59 am größten.
Eine Einteilung in 7tägige Wochen war im Volk, bis zur Einführung des arbeitsfreien Sonntags 1876, nicht bekannt, stattdessen gab es eine Unterteilung der Monate in 10-Tages-Abschnitte.

Stunden und Tage: In der Frühzeit dürfte als Tagesbeginn der Sonnenuntergang anzunehmen sein. Seit der offiziellen Einführung des Buddhismus galt folgende Zeitrechnung: Ein Tag wurde in 12 Doppelstunden (toki) jewiels sechs für die Zeit der Helligkeit sowie für die Nacht unterteilt. Die zweite Hälfte der Doppelstunde wurde han genannt. Unterteilungen in Zehntelstunden kamen vor. Die Länge der Stunden variierte mit der Tageslänge der Jahreszeiten, wie auch bei den Römern. Der Sonnenaufgang wurde in die Stunde des Hasen (= 6 h nach Mitternacht) gelegt, der Untergang in die des Hahns (= 6 h nach Mittag).
Ab der Asuka-Zeit [552] wurde in der Hauptstadt die Zeit durch Trommel- oder Beckenschlag verkündet. Bezeichnet wurden die Doppelstunden nach der Zahl der Schläge (z. B. kokonotsu doki = Stunde 9), sofern nicht die Namen des chinesischen Tierzeichenkalenders verwendet wurden.

 Seitenanfang

Zeiteinteilung in Doppelstunden
LesungDoppelstunde24 h-ZeitSchläge
Bis heute hat sich die Bezeichnung 午前, jap. gozen = vor dem Pferd für Vormittag und 午後, jap. gogo = nach dem Pferd für Nachmittag erhalten. (Das Zeichen für „Pferd“ stand in der traditionellen chinesischen Astronomie für Süden, dem Standort der Sonne am Mittag.)
子 neRatte23-19 um 24 Uhr
ushiStier/Rind1-38 um 2 Uhr
toraTiger3-57 um 4 Uhr
uHase5-76 um 6 Uhr
tatsuDrache7-95 um 8 Uhr
miSchlange9-114 um 10 Uhr
umaPferd11-139 um 12 Uhr
hitsujiWidder/Schaf13-158 um 14 Uhr
saruAffe15-177 um 16 Uhr
toriHahn17-196 um 18 Uhr
inuHund19-215 um 20 Uhr
iEber/Schwein21-234 um 22 Uhr

Zugeordnet waren den „Stunden“ auch Himmelsrichtungen: beginnend im Norden zur Stunde der Ratte (Mitternacht) schritt man 30°-weise weiter, so daß z. B. der Stunde des Drachens Ost-Süd-Ost entsprach.

Es gab einen 6-Tage-Rhythmus (rokuyo): senshō (先勝), Tomobiki (友引) an dem Totenfeiern zu vermeiden sind da andere „mitgezogen“ würden, Sembu, Butsumetsu (佛滅; „Buddhas Todestag“ ungünstig), Taian und Jakko (赤口). Zahlreiche Tage waren mit Tabus4 oder besonderen Bezeichnungen belegt, so u. a.:

Literatur:

Anmerkungen:

Generierung eines chinesischen Kalenders
(EPS, HTML, JPEG, PDF)   Online

Das zugrundeliegende Programm steht unter der GNU-Lizenz zum Herunterladen zur Verfügung:
Win:   CCAL 2.5 [94k]
Linux:   CCAL 2.5 [107k]

Yin Yang Mond
Merkhelfer für die Monatslänge (um 1880).
1) Chinesische astronomische Beobachtungen waren schon früh sehr exakt. Frühe kalendarische Systeme (die hier nicht ausführlich behandelt werden können) waren z. B. : 1) 四分暦 Ssu fen li „der Viertel-Kalender“ im Gebrauch 85-263 u.Z., setzte die Jahreslänge auf 365¼ Tage fest. Detaillierte Berechnungen in: Kao P'ing-tzu 高平子; Ssu- fen li tung-p'u 四分暦統譜; in Academica Sinica Extra No. 4 (Festschrift für Tung Tso-pin zum 65. Geb.). 2) 減分暦 Chien-fen-li, auch Ch’ien hsiang li geschaffen von Liu Hung (劉宏; 172-7), der die Ungenauigkeiten des Ssu fen li erkannte, und die Jahreslänge auf 365,24617996 Tage festlegte, was dem tropischen Jahr (365,242198879 d) schon sehr nahe (≅ -0,004 d) kommt. Die Abweichung beträgt etwa alle 250 Jahre einen Tag (wobei Unregelmäßigkeiten der Erdrotation wie die säkulare Schwankung oder Fluktuation außer Betracht bleiben). Um 590 war auch diese Abweichung erkannt, Versuche der Abhilfe führten zu einem fast 20jährigen Gelehrtenstreit. Der Kalender selbst war im Königreich Wu 223-80 in Kraft. Eine weitere Verfeinerung (Wan nien li) erreichte ein persischer Astronom, Jāmal-ad-Din, der seit 1267 auf Einladung Kublai's am Hofe war. Basierend darauf entwarf Kuo Shou-ching (1231–1316) den Shou shih li. Die letzte bedeutende chinesische Kalenderreform fand 1645 statt, an ihrer Ausarbeitung waren jesuitische Missionare mit beteiligt, u. a. Johann Adam Schall von Bell (1592–1666).
Ausführlich in: a) Chu Wen-hsien; Li-fa t’ung-chieh; Shanghai 1934 (Commercial Press); b) Yabuuchi Kiyoshi; Chūgoku chūsei kagaku gijutsu shi no kenkyū; Tōkyō 1963 (Kadokawa), S. 445-92.
Auch in Japan waren schon z. Zt. der Temmu bzw. Jitō-Tenno’s exakte astronomische Kenntnisse vorhanden. Im Winter 1997/98 wurde bei der Ausgrabung der Kitara-kofun (nahe Nara) eine genaue Sternenkarte (wahrscheinlich aus Korgyö) entdeckt. [  ]
2) Böse Zungen haben behauptet, daß die plötzliche Übernahme des westlichen Kalenders nicht, wie die hochtrabende Rhetorik der „Reformer“ glauben machen sollte, der Modernisierung diente, sondern den Staatsbankrott verhinderte. Es sei bei der neuen Zentralregierung nämlich schlichtweg kein Geld vorhanden gewesen, um im anstehenden Schaltmonat (1872/i12) die Beamtengehälter auszuzahlen. [  ]
3) Der Übs./Hrsg. dieses Bändchens weist in seinem Vorwort sinngemäß (über mehrere Seiten) darauf hin, daß man ihm unendlich dankbar zu sein habe, daß er als Übersetzer, die japanische Vorlage in ein lesbares wissenschaftliches Deutsch gebracht habe. Werter Herr Kollege: Solches hat für einen Übersetzer absolut selbstverständlich zu sein; es sollte keiner weiteren Erwähnung bedürfen, insbesondere, als das Ergebnis ihrer Bemühungen nicht unbedingt als stilistisches Meisterstück überzeugt. Vielleicht sollte man nicht nur im und für den sprichwörtlichen Elfenbeinturm übersetzen, sondern es auch gelegentlich mit echter Praxis versuchen. Folgendes möge für zukünftige Projekte als Richtschnur dienen: A translation is made primariy for those who cannot read the original language. For this reason the style of the translation must be fairly readable. An attempt has to be made to eliminate the extensive use of parantheses, square brackets and Chinese characters, so that a non-sinologist may not be frightened away at first sight. Teng Ssu-yü, Übersetzer des Yen-Shih Chia Hsün.
Der Band selbst (d. h. der Text Tanakas) ist vom Geiste des Yamato damashii durchweht. Z. B. S. 109: „Gegenwärtig befinden wir uns in einer Phase der Quellenkritik an Kojiki und Nihon shoki. [Anm. zu deren Unzuverläßigkeit] … In letzter Zeit wird auch auf die Wichtigkeit koreanischer Quellen hingewiesen, doch sind auch diese mit Vorsicht zu gebrauchen.“ Dies nachdem er etwa 100 Seiten lang die jap. Reichsgeschichten für bare Münze genommen hat! [  ]
4) Z. B. gem. 六曜 (auch: 六輝, rokki) Rikuyu-System, das den Kalendertagen sechs verschiedene Glück und Unglück verheißende Zustände zuschreibt. [  ]
5) Kalenderkunde und Yin-Yang-Divination standen im Altertum in einem gewissen Zusammenhang. Vgl. dazu die entsprechenden Literaturhinweise. Gemäß dem Nihon shoki war der Koreaner Kotoku ō Hōson, 553 der erste nach Japan entsandte Kalenderexperte. [  ]

Externe Weblinks

TopSeitenanfangHomeStartseite