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Kasuga-jinsha

(von Adi Meyerhofer)

Kasuga Steinlaternen
Steinlaternen am Wege.

Der Kasuga-Schrein („Schrein der 10000 Laternen“ auch Kasuga Jinsha oder Kasuga Taisha) ist mit der Gründung von Nara als Reichshauptstadt im Jahr 710 eng verbunden. Der Hofadelige Fujiwara no Fubito errichtete einen Schrein auf seinem Anwesen, am Fuße des Kasuga-yama (auch Mikasa-yama; 283 m) im Osten Naras. Dort verehrt man die Götter des Kashima- und des Katori-Schreins (Takemikazuchi no mikoto, der Sage nach 767 „zugezogen“ Futsu nushi no mikoto, beide in der Kantō Region östlich des heutigen Tokyo heimisch) als seine Ahnen. Bald darauf kamen die beiden anderen Gottheiten – Ame no koyane no mikoto und Hime no kami aus Hiraoka – dazu, die zusammen die vier Hausgötter der Nakatomi/Fujiwara-Sippe* bilden. Ein Symbol des Ame… ist der (weiße) Hirsch, woran heute ein großer Wasserspeier beim Haupteingang erinnert. Die Gründugslegende ist eine Erfindung späterer Jahre. Der erste Bau erfolgte vermutlich deutlich früher, auf Anstoß von Ueguri Kuhimaro Nakatomi [= Fujiwara]. Nakatomi no Tokikaze und -Hidetsura, die die Götter begleitet haben sollen, sind Namen von Klansmitgliedern, die um die Mitte des 9. Jhdts. lebten. Im Engi shiki findet sich eine Liste der zu den beiden Jahresfesten darzubringenden Dinge, die große Menge verschiedener Stoffe stammte aus Tributen der Kashima- und Katori-Schreine, andere Dinge aus den Lagerhäusern des Palasts.
Die vier Gottheiten wurden in späterer Zeit zu einem „Hauptkami,“ dem Kasuga no Daimyōjin (大明神, galt ab 1170 als gongen.) subsumiert.
Die charakteristische Viererform des Hauptgebäudes soll aus der Gründungszeit stammen. Unter den zahlreichen anderen (Neben-)Schreinen ist der Wakamiya (若宮 seit 1003; eigenständig – unter Kontrolle von Kōfuku-ji-Mönchen 1135. Das jährliche Onmatsuri wurde ab dem folgenden Jahr zum bedeutendsten in Yamato ausgebaut, um so die Position des Kōfuku-ji zu stärken.) der wichtigste. Die Blütezeit des Schreins fällt in die spätere Heian-Zeit, als die Fujiwara als erbliche Regenten des Tennō die faktische Macht bei Hof inne hatten. Im Mittelalter bestand eine enge Verbindung zum nahen Kofuku-ji. Die Gottheiten des Schreines galten als Schützer der jenen Tempel kontrollierenden Hossō-Schule. In der späten Heian-Zeit, als der Oberpriester (shō no azukari) vom Familienoberhaupt der Fujiwara ernannt wurde,0 waren Schrein und Tempel Zentrum des Synkretismus (honji-suijaki). Die Kriegermönche (sohei) des Kōfuku-ji führten, wenn sie wieder einmal auf dem Weg waren sich mit ihren „Kollegen“ vom Hiei zu schlagen, den heiligen Baum (shimboku) des Schreins zu ihrem „Schutz“ mit. Zur Kamakura-Zeit gab es eine eigene – privilegierte – Händlergilde (za), die dem Schrein angeschlossen war.

Kasuga Steinlaternen
Metallaternen im Inneren

Die meisten Nebengebäude des Kasuga Schreins sind mit unzähligen metallenen Laternen versehen, während die noch zahlreicheren Steinlaternen entlang der Wege zum Schrein aufgestellt sind. Diese Laternen des Kasuga Schreins sind Spenden von Gläubigen, die sich über die Jahrhunderte angesammelt haben. Nur zweimal im Jahr, zum Fest der Jahreszeitenwechsels (setsubun) im Frühling und zur Zeit des Bon-Festes im August, werden alle Laternen angezündet.“ Kuyō der '10000 Laternen' fanden im 8./9. Jhdt. auch in andern Tempel statt, oft zum Dank an die shi-on (四恩). Diese wurden dann als Mando-e, Sentō-e oder Chitō-e bezeichnet. Sie kamen im Mittelalter andernorts außer Mode, werden aber z. B. in der goldenen Halle des Kōya-san im Winter noch begangen.

Ottmar von Mohl schildert seinen Besuch 1887 folgendermaßen: Am Abend desselben Tages [28. Juli] besichtigten wir den schönen Park des unter kaiserlicher Protektion stehenden Schintotempels Kasuga-no-miya mit seinen zahlreichen Votivlaternen aus Stein. Die Töchter der Tempelpriester tanzten den Kaguratanz in bunten Kostümen, welche sich von den goldenen Wandschirmen, mit Hirschen bemalt, höchst reizvoll abhoben. Dazu das Rauschen der Bäche unter den tausendjährigen Kryptomerien, die rot bemalten Holzdächer der Tempel, die schönen Alleen mit breiten steinernen Treppen und eine köstlich erquickende Luft; wir verliessen ungern diesen herrlichen Ort, um zunächst an dem heiligen weissen Rosse vorbeizugehen, welches von den Gläubigen gefüttert wird. Dieser heilige Schimmel steht in einem Holzschuppen und wird bei seinem Tode immer durch einen neuen ähnlichen ersetzt. Weiter durch den Park hindurch, vorbei an dem See, in welchem sich eine schöne Hofdame aus Liebe zum Mikado vor 1000 Jahren ertränkt hat, … Von allen diesen Tempeln [Naras] macht unstreitig den bedeutendsten Eindruck der Kasuga-no-miya, welcher inmitten seines Parkes wie ein wunderbares Nationalheiligtum erscheint. Eine weihevolle Stimmung wird bei jedem Besucher schon durch die herrliche Natur und die feierliche Ruhe hervorgerufen, welche diese grossartige Tempelanlage umgibt. Zu dieser Zeit war der erwähnte Kaguratanz – aus dem das Nō-Drama hervorging – schon zu einer Touristenattraktion verkommen.


Architektur und Kunst

Schnitte des Kasuga

Der sogenannte „Kasugastil“ in der Architektur japanischer Sakralbauten bezeichnet – wie auch der „Nagarestil“ – die Einführung gekrümmter Linien und Flächen an den Bauwerken, besonders den Dächern.

Kasugastil: Bei diesem haben wir es in der Regel mit einem einzigen Raume von genau oder nahezu geviertförmigem Grundriß zu tun, an dessen Vorderseite das überdachte und um eine Stufe erhöhte Kohai, der Gebetplatz, vorgelegt ist. Ein Umgang ist mindestens an der Vorderseite, aber nicht immer auf allen vier Seiten vorhanden. Die vier Umfassungswände des einschiffigen Kasugatempels zeigen demnach gleichmäßig die einteilige Form. An den Giebel des sattelförmigen Hauptdaches, dessen Firstlinie wie beim Izumo- und Sumiyoshistil senkrecht zur Vorderwand gerichtet ist, legt sich das leicht geschwungene Dach des Kohai wie ein Pultdach, Hisashi, an; Vorder- und Rückseite des Tempels zeigen im übrigen die gleiche Giebelanordnung, das Kirizuma, aber die Umrißlinien des mit Schilf, Stroh oder Hinokirinde gedeckten Haupt- und Vordaches sind stark gekrümmt. Auf der First befinden sich die Chigi und Katsuogi angebracht.

Ein Teil der Galerie mit hunderten Bronzelaternen wird Hidari Jingurō zugeschrieben. Zu den Tempelschätzen gehören noch zahlreiche seltene Trommeln, hölzerne Masken und Tanzkostüme und die Rüstung Nankō's, dem gescheiterten Unterstützer des Go-Daigo-Tennō.

Kasuga Mandala
Kasuga Mandala aus dem 14. Jahrhundert

Das Kasuga Gongen-ki1 ist eine Sammlung von Legenden um den Kasuga-Schrein. Das Kasuga Gongenki-e3 ist eine Sammlung von zwanzig Bildrollen, auf denen die legendären Geschichten bildlich dargestellt werden. Es wurde von Saionji Kinhira in Auftrag gegben und 1309 vollendet. Das prächtige Werk wurde im Schatzhaus unter Verschluß gehalten und nur wenigen Auserwählten, wie den himmlischen Majestäten, den Shōgunen und hochrangigen Höflingen gezeigt.

Anmerkungen:

In Legende II, 21 wird erzählt, daß Rōben, der von einem Adler als Zweijähriger ergriffen ward, vor dem Schrein abgelegt wurde.
Es gibt in Japan zahlreiche Kasuga-jinsha. Der Schrein ist besonders nicht zu verwechseln mit den Resten des gleichnamigen, älteren, in Asuka.

*) Über die Zugehörigkeit Kamatri’s zu einem bestimmten Zweig der Nakatomi, abhängig von seinem nicht vollkommen gesicherten Geburtsort und damit über die von ihm angebeteten Hausgötter herrschen unter japanischen Gelehrten verschiedene Ansichten. Vgl.: Ueda Masaaki; Fujiwara no Fuhito; Tokyo 1976 (Asahi shimbun-sha). Ders.: Kodaishi no ibuki; Kyoto 1981. Demgegenüber: Tamura Enchō, Fujiwara no Kamatari; Tokyo 1966 (Shinkobō) [ ▲ ]
0) Ebenso lag bei ihm das Vorschlagrecht für den bettō des Kōfuku-ji. [ ▲ ]
1) Takatsukasa Mototada zugeschrieben, gedruckt im Gunsho ruijū; Tōkyō 1894- (Keizai Zasshisha), Vol. XVI [ ▲ ]
2) Es wird hier nur kurz darauf hingewiesen, daß die verbreitete Theorie des indigen japanischen Ursprungs des Synkretismus (Honji suijaku-Theorie, propagiert von Tsuji Zennosuke 1907) wohl als überholt gelten muß. Die Arbeiten von Tsuda Sokichi (1964) und Yoshida Kazuhiko (ab 1994) haben aufgezeigt, daß ähnliche Vorgänge bereits in frühen chinesischen Mönchsbiographien enthalten sind und diese in Japan dann analog angewendet, zumindest nicht auf Widerspruch der Sangha stießen. [  ]
3) Heute in der Sammlung des kaiserlichen Hofamtes. Gedruckt in: Kasuga Gongen Genki-e; Tokyo 1963 [ ▲ ]

Literatur:

Kasuga Briefmarke
Briefmarke 2002

Entwicklung des Shintō allgemein siehe auch: Journal of Japanese Studies, Vol. 29 (2003), No. 3-4: Tracing Shinto in the History of Kami Worship; [Themenheft]

Externe Weblinks

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