Zum Textbeginn
Ort:

Koreanische Halbinsel und japanische Kultur

(von Adi Meyerhofer)

Vom Lande Kudara ist alles gekommen.
Kyōkai im Vorwort

„Es ist ein bedeutsamer Wesenszug der altjapanischen Geschichte, daß der Aufbau eines zentralistischen Staatsgebildes in Mitteljapan und das rasche Anwachsen der materiellen und geistigen Kultur maßgeblich durch Einwanderer vom Festland bestimmt wurden.“ (Lewin 1962, S. 1) Aus der japanischen Frühzeit (vor ca. 600) sind kaum schriftliche Quellen überkommen. Chinesische Chroniken* beschreiben das Land Wa nur kurz und als kaum zivilisiert. Jeglicher zivilisierende Einfluß (chinesischer Hochkultur) wurde über Korea vermittelt. Aufgrund der mangelhaften Schiffsbaukunst war vor dem 8. Jahrhundert, ein direkter Schiffsverkehr nicht möglich – die Reiseroute verlief entlang der koreanischen Küste, von der Südspitze der Halbinsel nach Tsushima und von dort an die Nordküste Kyūshū’s. Besonders wichtig war die Einwanderung der Aya und Hata, die handwerkliche Fähigkeiten, besonders der Metallverarbeitung, brachten.4 Erst die direkten Beziehungen zum Hof der Sui und der T’ang nach 600, mit Schiffsverkehr von Ningbo, brachten entwickelte philososphische Systeme nach Japan.

Invasion(en) des vierten Jahrhunderts

Kim Il Sung
Der GROSSE Führer Kim Il Sung (김일성), der Befreier des koreanischen Volkes und, die unter seiner weisen Leitung entwickelte, Juche Lehre

Wenn hier von „Korea“ gesprochen wird, ist die koreanische Halbinsel als geographischer Begriff gemeint. In der Frühzeit bestanden folgende „Reiche“: Benhan im Süden, bis etwa zum 37°; nördlich davon, im Osten Mahan, auf der westlichen Seite (etwa im Bereich der heutigen Taebek Sanmek Bergkette) Shinhan. Nörlich einer Linie die heute etwa von Nampo nach Wonsan, im Osten, nach China hineinreichend Chosen, Richtung Sibirien Whi (küstennah), Sushun, Kokorai und Fuyu (Reitervölker ural-altaischen Ursprungs).

Im vierten Jhdt. hatte sich im Norden das Reich Korgyŏ (= Koguryŏ) gebildet. Dessen Territorium war in etwa deckungsgleich mit dem heutigen befreiten Teil Koreas (DPRK), reichte jedoch im 5. Jhdt. nach Norden weit über den Yalu hinaus und beherrschte zeitweise die Liaotung-Halbinsel.

Südlich des Han bestanden Paekche (百濟; jp. Kudara) und Silla (新羅), dazwischen, die Kaya-Liga (von Stadtfürsten), zwischen den beiden bis im 6 Jhdt. umkämpft. Nach Jingo’s (jp.: Jingū Kōgō) Aufstieg zur Hauptfrau des Königs von Paekche (und dessen sehr bald darauf erfolgten Hinscheidens aus unnatürlichen Gründen) hielt sie es für politisch opportun in Korea einen Feldzug zu starten, um dann 369 im „Auftrag“ des neuen Königs (der sicherlich froh war diese Königinwitwe außer Landes zu wissen) das Land Wa zu erobern1. Dabei wurde sie durch ihren getreuen Minister (jp.: Takechiuchi) unterstützt, der sich während ihrer Trauerperiode derart rührend um sie gekümmert hatte, daß der spätere Ōjin-Tennō, angeblich vom Verblichenen gezeugt, gute 10 Monate nach dem Tode seines „Vaters,“ auf japanischem Boden zur Welt kam. Es verblieb ein südlicher Küstenstreifen (Minama) bis 562 unter jap. Lehnshoheit.

Diese sogenannte “horse-rider theory,” erstmalig dargelegt von Egami Namio, hatte viel für sich und wurde in den 1970ern von Ledyard noch ausgeweitet. Aufgrund des geringen Entwicklungsstandes Japans in der Kofun-Periode und der zahlreichen Invasionen mit verheerenden Verwüstungen Koreas ist sie aber archäologisch nicht mehr belegbar; schriftliche zeitgenössische Quellen existieren nicht. Das einzige gefundene Monument scheint eher die japanischen Reichsannalen zu stützen. Die weitgehende Ablehnung der heutzutage als verworfen geltenden Idee innerhalb japanischer akademischer Kreise schien jedoch auch vielfach daran zu liegen, daß „nicht sein kann, was nicht sein darf,“ da hier an den Grundfesten japanischer nationaler Ideologie (von der „Einmaligkeit“) gerüttelt ward – und dies von einem Volk, das man zutiefst verachtet und dessen Angehörige in Japan man noch deutlich schlechter behandelt als „die Türken“ in der BRD.
Es kann nicht verleugnet werden, daß ein Großteil der dominierenden Sippen Yamatos (wie die Soga) von 400-645 koreanischen Ursprungs waren. Mit der Herrschaft Ōjin’s fand zweifelsohne einer der dynastischen Brüche der „heiligen Dynastie,“ statt. Es scheint wahrscheinlich, daß koreanische (berittene) Einwanderer sich friedlich mit dem Yamato-Klan verbündeten und dann die dominierende Kraft in Wa wurden.

Haniwa-Boot
Boot der Haniwa-Zeit

Verlust Minamas

In die Frühzeit der Regentschaft Shōtoku Taishi’s fällt zum einen die seit 591 geplante militärische Expedition gegen das koreanische Silla-Reich, sowie die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum nach knapp 250 Jahren wiedervereinigten chinesischen Reich, nun unter den Sui. Der traditionelle japanische Verbündete Paekche unterstützte China im 598 von Kogoryŏ (高句麗) begonnenen Krieg. Japan wiederum, das auch seine Rechte in Minama sichern wollte, sandte 20000 Mann im Jahre 600. Die vorübergehende Entspannung 608–18 mit Silla ermöglichte es, daß etliche Einwanderer von dort nach Japan gelangten.
Silla wurde von einer Königin, Sŏndŏk (r. 632—47; 善德) beherrscht, gegen die der im ersten außerordentlichen Hofrang stehende Pidam (毗曇) zu putschen versuchte. Dabei kam die Königin, die nicht mit König Sŏndŏk (r. 780-4; 宣德) zu verwechseln ist, um. Die folgende Chindŏk (真德) starb 653.


Zeitgen. Schiff

(Beschreibung)

Zur Geschichte der in I, 7 erwähnten „Wirren“: Paekche und Koryŏ (Koguryŏ) hatten sich 641 gegen Silla verbündet, das daraufhin um Hilfe von T’ang-China nachsuchte, welches 658-9 Truppen sandte (und das seit längerem mit Japan über das Minama-Gebiet stritt). Diesen gelang es nicht, Koryŏ zu erobern. Jedoch konnten die Verbündeten (China und Silla) 660 Paekche besetzen. Dort brach 661 ein Aufstand aus, der von einem japanischen Heer (663 mindestens 27500 Mann), unter Kommando von Abe no Hirafu (阿部比羅夫. Leitet bereits 658 einen Feldzug mit 180 Schiffen gegen die Emishi bei Aguta, dem heutigen Akita.) unterstützt wurde. Die Verbündeten konnten jedoch im darauffolgenden Jahr Paekche erneut besetzen und die japanische Basis zerstören. Diese Ereignis von 663 ist bekannt als „Schlacht am Paekchon-Fluß“ (Hakusukinoe no Tatakai; heute: Kŭm). Damit endete auch der japanische Einfluß in Korea allgemein3 Das Königreich Koryö wurde endgültig 668 von T’ang-China besetzt und annektiert. Wegen Schwierigkeiten an der tibetischen Front zog China seine Truppen 676 zurück, woraufhin ein vereinigtes Silla-Königreich die gesamte Halbinsel kontrollieren konnte.
Die japanische Niederlage hatte auch in der Heimat weitreichende Folgen, die zum einen die Ausgestaltung des Ritsuryō-Staates beschleunigten, kurzfristig im Norden Kyūshū’s zur Einrichtung der militärischen Sonderverwaltungszone Dazaifu führten.

Der kulturelle (zivilisatorische) Einfluß Paekche’s auf Japan blieb über die folgenden Jahrhunderte stark. Praktisch kein Handwerk, das nicht Meister importierte. Dazu gehörte später auch die Bekehrung zum Buddhismus und der damit gebrachten Schrift. Ab 668 ist dann Silla synonym mit Korea, wobei jedoch z. B. „Kudara“ später noch als geographischer Terminus in Gebrauch blieb. In den drei Jahrzehnten nach 668 kamen auch 22 Gesandtschaften aus Silla, von denen kaum eine von Kyushu bis an den Hof nach Nara weiterreisen durfte, da man ihre Legitimationen anzweifelte. Es gab neun japanische Gegenbesuche. Bis 730 folgten neuen weitere Botschaften, die nun überlicherweise unter Eskorte nach Heijō-kyō eingeladen wurden. Die Beziehungen mit Silla blieben bis etwa 730 entspannt. Nach dem gescheiterten japanischen Angriff 731 und der Planung einer Invasion 755 als Folge der An Lushan-Rebellion in China, die aber aus innenpolitischen Gründen nicht durchgeführt wurde, kamen noch zwölf Botschafter nach Japan, die aber meist nicht aus Dazaifu in die Hauptstsadt gebeten wurden. Die japanische Seite führte, bis zum Abbruch der Beziehungen 779, sieben Gegenbesuche durch.

Die diplomatischen Avancen der koreanischen Staaten in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurden zurückgewiesen, auch noch nach Errichtung von Koryŏ 936. Die Zeit unmittelbar davor war geprägt von Pirateneinfällen.

Anmerkungen:

*) Übersicht der Fundstellen in den ch. Reichsgeschichten: Iwai Daikei; Shina-shiso ni awarateru Nihon; in: Iwanami-kōza, Nihon rekishi 17, № 8 (1925), S. 9-10 [  ]
1) Die um 700 (also 340 Jahre später) entstandenen Reichsgeschichten sprechen davon, daß die Koreaner „80 Schiffsladungen Tribut“ gesandt hätten. Nur, daß der „Tribut“ aus ca. 1600 Mann Reiterei und der doppelten Zahl Fußvolk bestand. (Pferde waren zu dieser Zeit in Japan unbekannt. Die Effekte schwertschwingender Kavalleristen auf Fußvolk ist militärhistorisch hinreichend belegt. Vgl. Cortes’ 200 Mann.) Es existieren Modelle des damals üblichen Schiffstyps, der bereits, ähnlich wie Landungsboote im 2. Weltkrieg über herabzulassende Klappen am Bug verfügten. Der offensichtlich sehr virile Takechiuchi-no-Sukune (ein Sire in jedem Sinn des englischen Wortes) gilt als Ahnherr der folgenden uji: Soga, Ki, Kose, Heguri und Katsuragi. (Für diesen Teil der Geschichte von Wa muß koreanischen Quellen als den logischeren gefolgt werden, besonders dem Samguk-sagi. So wenig dies in Japan auch heute noch auf Gegenliebe stößt.)
(Die „Wirren“ um 650–68 werden als Vorbemerkung zu I, 7 geschildert.) [  ]
2) Vgl. Hesselink, Reinier; The Introduction of the Art of Mounted Archery into Japan; Transactions the Asiatic Society of Japan, Ser. 4, Vol. 6 (1991) [  ]
3) Nihon shoki XXVI (Saimei 6-7) und XXVII (Tenji 1-2): »Ninth month. The crown prince granted Prince Pungjang of Paekche the cap rank of Orimono at Nagatsu Palace and made the younger sister of O no Omi Komoshiki become his [Pungjang’s] wife. Then he dispatched Lower Daisen Sai no Muraji Ajimasa and Lower Shosen Hada no Miyatsuko Takutsu leading over 500 soldiers to protect him and sent him back to his homeland. When Pungjang entered the country, Poksin came to meet him and entrusted him with all the matters of the country’s administration.
12th month. Kogoryŏ said, “In this 12th month, in Kogoryŏ, it was extremely cold and the river froze over. Therefore the T’ang army, with cloud chariots and battering engines, sounding drums and gongs, invaded. Kogoryŏ’s soldiers were brave and valiant, and took two of the T’ang bases, and only two remained. Then they prepared at night to take them, and the T’ang soldiers kneeled and cried. The sharpness of our power was extinguished, and we were not able to attack. Is there any a more navel-biting shame than this?” The monk Dohyeon said, “Kim Chunchu’s intent was in truth to attack Kogoryŏ, but first to take Paekche. Paekche in recent years was invaded and endured great suffering because of it.” …
[Tenji] First year, spring, first month. On the 27th day, Sahe Gwisil Poksin of Paekche was given 100,000 arrows, 500 kin of thread, 1,000 kin of silk, 1,000 hashi of cloth, 1,000 sheets of dried leather, and 3,000 seeds.
Third month. On the fourth day, the men of T’ang and Silla attacked Kogoryŏ. Kogoryŏ requested aid from our state. The shoguns were dispatched and took Soru Castle. For this reason, the men of T’ang could not invade the southern border of Kogoryŏ, and Silla could not take the bases in the west. …
Fifth month. Great shogun greater Kinchu Azumi no Hirabu no Muraji and others led 170 ships sending Pungjang back to the country of Paekche and stating an imperial order that Pungjang succeed to the throne.
12th month. … That year, for rescuing Paekche, the the soldier’s armor was repaired, ships were prepared, and provisions were set aside. The year was 662.
Second year, spring, second month. On the second day, Paekche dispatched Tatsusotsu Gimsu and others to present tribute. The Sillans burned four castles in Paekche’s southern district and took Antoku and other strategic locations. Then, as Hesashi was near the rebels, they could not exert their power. They returned to Tsune, like Takutsu had planned. …
Third month. They vanguard shoguns Kamitsukeno no Kimi Wakako and Hashihito no Muraji Ofuta, central shoguns Kose no Kansaki no Omi Osa and Miwa no Kimi Nemaro, and rearguard shoguns Ahe no Hiketa no Omi Hirabu and Oyake no Omi Kamatsuka were sent at the head of 27,000 men to attack Silla.
Summer, fifth month. On the first day, Inu no Kami no Kimi … rode swiftly and told the soldiers in Kogoryŏ what was going on then returned. …
Sixth month. Vanguard shogun Kamitsukeno no Kimi Wakako took Silla’s twin castles in Sabikinue. The Paekche King Pungjang suspected Poksin of treachery, and so made holes in the palms of his hands and bound him with a leather cord. Then he asked the myriad ministers, “Poksin’s crime is this. Shall we behead him or no?” Then Tatsusotsu Deok Jipdeuk said, “This evil betrayer cannot be released.” Then Poksin spat on Jipdeuk and said, “You rotten dog.” The king ordered a strong man to behead Poksin and pickle his neck.
Autumn, eighth month. On the 13th day, Silla heard that the King of Paekche had beheaded his own good general and planned to directly enter the country and first take Tsune. Then Paekche found out the plan of the rebels and asked of the generals, saying, “Now we hear the rescue army of Iohara no Kimi Omi, leading over 10,000 strong men, has crossed the sea and landed. We want the shoguns to make a new plan. We will on our own go to Hakusuki to await them with a banquet.”
On the 17th day, the rebels arrived in Tsune and surrounded the King’s castle. The T’ang Shogun leading 170 ships made his camp at the Hakusuki river. On the 27th day, the Yamato captain first arrived and fought with the T’ang captain. Yamato could not win and retreated, and T’ang fortified the encampment and protected it.
On the 28th day, the generals of Yamato and the King of Paekche, without observing the nature of things said to each other, “If we attack first, afterwards they will retreat on their own.” Then leading the unorganized soldiers of Yamato’s middle army, they advanced and attacked the T’ang army at their fortified encampment. The T’ang then came with ships on the left and right and surrounded them, and they fought. After a short time, the army had lost. Many went into the water and died. The boat rudders could also not be turned around. Echi no Takutsu raised his head to heaven and swore, then clenched his teeth, killed some tens of people, then died in the battle. At that time, the King of Paekche Pungjang and some number of people rode boats and fled to Kogoryŏ.
Ninth month. On the seventh day, Paekche’s castle at Tsune was first taken by the T’ang. At that time, the people in the country said to each other, “Tsune has fallen, and nothing can be done. The name of Paekche has ended todsay. As for the hill tombs, how can we go to them again. However we should go to Teresashi and meet the generals of Yamato, and plan with them what needs to be done.” Also the wife and children of the King who were in Shinbukugi-sashi, resolved to leave the country. On the 11th day, they left from Mute. On the 13th day, they arrived in Tere. On the 24th day, the Yamato captains and Sahe Yeo Jasin, Tatsusotsu Mokso Gwija, Gokna Jinsu, and Eokye Bokyu together with their countrymen went to Tere Sasashi. The next day, they departed by ship for Yamato.«
 ]
4) Das Nihon shoki spricht für 540 von 7053 naturalisierten Hata-Haushalten, wobei „Hata“ hier generell als „Einwanderer“ zu verstehen ist und nicht zwischen chinesischer oder Herkunft aus einem der koreanischen Länder unterschieden worden ist. [  ]


Literatur

Das Thema „koreanischer Einfluß“ ist zu komplex, um es hier in mehr als Ansätzen zu behandeln. Hinsichlich der Sprachentwicklung der Kofun-Zeit (proto-Japanisch / -Koreanisch) sei auf die Arbeiten von Samuel E. Martin, John Bradford Whitman, Roy Andrew Miller und J. Marshall Unger verwiesen. Zum altjapanischen Schriftsprache siehe die Bibliographie. Anthropologische Untersuchungen sind hier nicht erwähnt.

Siehe auch die Literatur zum Dazai-fu.

TopSeitenanfangHomeStartseite