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Altjapanisches Münzwesen

(von Adi Meyerhofer)

Hinweis: Um sich mit dem Stand der altjapanischen Numismatik vertraut zu machen, seien die in den Literaturhinweisen gegeben Werke, besonders das Themenheft der Acta Asiatica, (das aber die Fuhon-sen noch nicht berücksichtigt) empfohlen. Ausgrabungen der letzten Jahre haben zu zahlreichen neuen Erkenntnissen über das Geldwesen der Nara-Zeit geführt.
Zum System der Besteuerung und der Verwaltung zur Enstehungszeit des NR siehe auch: Ritsuryō

Wado-Sen
Wadō-Sen

Eine erste Erwähnung von Münzen findet sich im Nihongi. Sie sollen aus Korea kommend zur Zeit des Kensō-Tennō (reg. trad. 485–87) umgelaufen sein.0 Silber in Form von Nuggets oder Barren wurde zur Asuka-Zeit gelegentlich als Tauschmittel eingesetzt. Metallscheiben ohne Aufschrift (mumondōsen oder mumonginsen 無文銀銭), aber mit Loch und in Münzgröße aus dem 7. Jahrhundert könnten als Zahlungsmittel gedient haben. Gemeinhin wird gesagt, daß erste Münzen in Japan unter Kaiserin Gemmei, zu Anfang der Wadō-Ära (708–14), daher Wadō-Sen (和同銭) hergestellt wurden, was auch in anderen Reichsannalen Erwähnung findet.

Fuhon-sen (Aufschrift: 富夲 früher auch Fudō gelesen): Bei Ausgrabungen im Januar 1999 wurden in Asuka ältere Münzen entdeckt, über deren genaue Beurteilung noch Uneinigkeit herrscht. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden sie schon ab 683 in Japan hergestellt. Beschrieben worden waren diese schon in älterer Literatur (Älteste bekannte Erwähnung im 和漢古今寳泉図鑑 von 1694, sonst u.a.: 1) 今井貞吉; 今井貞吉; 1889, S. 79f. 2) [Anon.]; 新撰古銭帖; 和泉屋市 1842 (甘泉堂). 3) 宮部 [zgschr.]; 古泉通盖; 1858. 4) 馬嶋杏雨 亀田一恕; 画銭譜, 1899), man hielt sie jedoch für spätere Ausgaben. Die sogenannten Fuhon-sen (33 Stück, davon 6 intakt entdeckte man in den Ruinen des Asukaike. Bereits 1985 waren fünf dieser Stücke im Bereich des Nara-Palastes gefunden worden. Hergestellt worden sind sie in der Residenz Fujiwara-kyō 694–710. Sie sind rund, bei einem Durchmesser von ca. 2,5 cm, ca. 1,44 mm dick, 4,25–4,6 g schwer, mit einem 6-7 mm großen Loch in der Mitte. Darin ähneln sie chinesischen Vorbildern. Die Erwähnung von Münzen im Nihon Shoki Temmu 12/4/15 (683; Verbot des Umlauf von Silbermünzen), war bisher auf chinesische Münzen bezogen worden, die schon aus dem 1. Jhdt bekannt waren. T’ang-Prägungen Kai Yuan Tong Bao von 621 fand man in Japan zahlreiche. Offensichtlich sind in der Chronik jedoch diese bis dato unbekannten Münzen gemeint gewesen. Die Kaufkraft eines solchen Fuhonsen wird auf ¥ 7-8000 heutiger Währung geschätzt. Bis 2002 gab es zehn weitere Funde an acht verschiedenen Orten.

Bereits im Taihō-Kodex (nur in Zitaten überkommen) soll es Bestimmungen gegen das private Prägen (私鑄銭, Shichūsen) gegeben haben. Die Strafbestimmungen für das Geldfälschen im Taihō-Kodex waren streng: das unehrenhafte Enthaupten für den Haupttäter, Mittäter wurden versklavt, die jeweiligen Sippen in die Verbannung geschickt. Geldfälscher waren von den meisten Amnestien ausdrücklich ausgenommen. Der Nara-zeitliche Staat monopolisierte die Münzherstellung (staatliche Prägungen: 官制銭), ebenso wie den Kupferbergbau, der sich anfangs auf die Südseite der Chūkoku-Berge des Sanyō-dō konzentrierte. Die Kupfergewinnung ließ im ganzen Land ab der Mitte des 9. Jhdts. stark nach, was, ebenso wie das (teilweise) verpachtete Recht der Privatprägungen, zu verschlechterten Münzen und daraus folgend immer geringerer Akzeptanz führte.

Ōban

Die erstmals unter Hideyoshi 1588 ausgegebenen Ōban (大判) dürften wohl die größten jemals „umlaufenden“ Goldmünzen gewesen sein. Ursprünglich sollte ihr Gewicht 44 momme sein (ca. 165,4 g), bei einem theoretischen Feingoldanteil von 40 momme (= 10 ryō). Die entsprach dem Wert von etwa 200000 Kupfermünzen. Tatsächlich sank der Feingoldanteil – legiert wurde mit Silber – unter den späteren Shogunen auf 575. Die Stücke wurden weniger für Zahlungen, denn als Geschenke verwendet. Hergestellt wurden sie in der Kinza, deren Leitung in der Goto-Famile erblich war und deren Tusch-Aufschriften und Punzierungen das Gewicht der Münze beglaubigen sollten. Die Koban (小判; ≈ 60×30 mm) hatten ein Zehntel des Gewichts. Die ersten Ōban der Tokugawas (ab 1601) hatten einen Feingehalt von 68%. Noch kleiner waren die ichibu-kin (¼ ryō ≈ 4,5 g; 842 fein).

Oban
Naga Ōban (Tenshō-Ära, 1593. Ca. 17×10 cm; 165 g, 70-74% Au, Rest Ag.)

Die Wado-Sen (Aufschrift: 和同開珎 Wadō kaichin; im Uhrzeigersinn zu lesen, was für alle Münzen bis 1587 gilt. Es sei darauf hingewiesen, daß zur Herkunft und Bedeutung des Zeichens 珎 seit Jahren unter Wissenschaftlern ein Streit tobt, auf den hier aber nicht eingegangen werden kann.) wurden kurzzeitig aus Silber (5 g; Gebrauch verboten 709/10) dann Kupfer (4 g), beide mit 24 mm Durchmesser, hergestellt. Diese liefen aber kaum um, sondern wurden meist gehortet, der Tauschhandel blieb üblich. Gemünzt wurde außer in der Hauptstadt näher an den Minen, so in Kawachi, Harima, Zezu (Ausgrabungen 1922 und um 1980) und Dazaifu. Steuerzahlungen in Geld statt Naturalien sind erstmals im Jahre 723 belegt. Zeitweise wurde die (teilweise) Steuerzahlung in Geld vorgeschrieben oder Sparern großer Geldbeträge Belohnungen gezahlt.1 Auch erfolgte die halbjährliche Bezahlung der Beamtengehälter im 8. Jahrhundert in Geld, obwohl dies interessanterweise nicht Eingang in die Bestimmungen des Yōrō-Kodex über die Besoldung (Roku-ryō) gefunden hat.
Unterschieden wird bei den Kupfermünzen zwischen „alten“ in schlechter Verarbeitung aber hohem Kupferanteil und den „neuen,“ deutlich sauberer gearbeiteten mit mehr Blei. Einige Forscher halten die alten Stücke für Proben. Für 722 geht man davon aus, daß der Wert eines Sen amtlich auf 25 mon festgesetzt war, er enthielt damit weniger als ⅙ seines Werts in Kupfer (bezogen auf Barren), die Bezahlung damit war für die Regierung ein einträgliches Geschäft, wenn man bedenkt, daß für 1 mon, dem Tageslohn eines Erwachsenen, 6 shō2 Reis erhältlich waren. Die Marktpreise in Nara3 wurden jeweils für zehn Tage von den Aufsehern, entsprechend dreier Qualitätsklassen festgesetzt.

Bronze-Münzprägungen, in zwölf immer leichter werdenden Typen (und höheren Bleianteilen), hielten bis zur Mitte des 10. Jhdts. an, wurden dann – von einem kurzen Zwischenspiel zur Zeit Go-Daigo’s abgesehen – bis zum 16. Jhdt. fast ganz eingestellt. Sie sind kollektiv als kōchō jūnisen bekannt. Die Kaufkraft sank kontinuierlich.4 Die verherende Pockenepedemie ab 735–7, mit geschätztem Bevölkerungsverlust von 25-30%, führte zu starker Inflation, bis sich die Preise während der 740er aufgrund des gesunkenen Langzeitbedarfs fast 20 Jahre stabilisierten. Einige Typen der neuen, immer geringwertigeren, Münzen waren seit 760 Man’nen zūhō, ø 25-27 mm, ca. 5 g. Die alten Wadō wurden im Verhältnis 1 zu 10 umgewechselt, bei gleichzeitigem Verbot des Umlaufs der alten Münzen. Außerdem gab es ab 760 eine Silber- (Taihei gempō) und eine Goldmünze (Kaiki shōhō). Ab 765: Jingu kaihō (wiederum 10:1 getauscht, bei weiter verringertem Kupferanteil!), 779 erfolgte die Gleichsetzung der Werte aller Münzen (1 Stück = 1 mon), ab 796: Ryūhei Eihō, ø 23-28 mm, ca. 3 g; ab 818: Fuju Shimpō (富寿神宝); ab 835: Jōwa Shuhō, ø 20-23 mm, ca. 2 g; ab 958: Kengen Taihō, ø 18-20 mm, ca.  3g.

Münzbaum
„Münzbaum“ (Kaei-Ära)

Als Begründung der Münzverschlechterung 760, sagt der entsprechende Erlaß, daß geschätztermaßen die Hälfte der umlaufenden Münzen „privat“ hergestellt (d. h. gefälscht) waren. Der Münzumlauf, der in den Hauptstädten und dem umliegenden Kinai am stärksten war, ließ Ende des 8. Jahrhunderts deutlich nach, bereits 797 erging ein Edikt, daß die Verwendung von Münzen zur Steuerzahlung stark einschränkte. Es wurden während der münzlosen Zeit chinesische Münzen5 importiert (toraisen), oder private minderwertige Prägungen/Fälschungen (bitasen; 鐚銭) durchgeführt. Es kamen für Transaktionen unter Händlern aber auch Wechsel (saifu) auf.
Der Zufluß chinesischen Geldes verstärkte sich, nachdem unter den Ming wieder stabile Verhältnisse eingekehrt ware. Das Prinzip 1 Münze = 1 mon hielt sich bis in die Sengoku-Ära, als dann auch Silber- und Gold„münzen“ hergestellt wurden. Der Ausbau der Iwami-Silbermine und verbesserte Reinigung durch Kuppelation (灰吹法) ermöglichte den Gebrauch von punziertem Barrengeld (Hirumokin 蛭藻金; Sekishugin 石州銀, Chogin 丁銀 80% Ag nach Gewicht = 50-60 momme: mameita-gin 豆板銀; Kōshū-kin 甲州金 des Daimyō Takeda). Erst ab der frühen Tokugawa-Zeit, als der Bergbau unter staatlicher Kontrolle ausgeweitet worden war, kann wieder von einem Münz-System gesprochen werden, Reis blieb aber weiterhin die Maßgabe für die Berechnung von Einkünften. Zahlreiche Han verausgabten ihre eigenen Münzen und auch Papiergeld, letzteres eigentlich eher Schuldverschreibungen, die sie den örtlichen Händlern aufzwangen. Zum Ende der Tokugawa-Zeit war das Wertverhältnis Gold zu Silber 1 zu 5, was von findigen westlichen Kaufleuten 1858–60 zum Arbitragehandel mit gigantischen Gewinnen ausgenutzt wurde, da im Westen das Verhältnis um 1 zu 15 lag.

Herstellung

Insofern in der Literatur von „Kupfer-Münzen“ die Rede ist, sollte man korrekterweise von Bronze sprechen, da diese Münzen immer einen hohen Anteil an Fremdmetallen hatten, was nicht nur die Herstellungskosten senkte, sondern auch darauf zurückzuführen ist, daß die Technologien um hochreine Metalle zu gewinnen noch nicht entwickelt waren. Ebenso ungenau ist der Begriff des „Prägens.“ Ostasiatische Münzen wurden nicht geschlagen (abgesehen von kleinen Barren, die zur Bescheininigung ihrer Reinheit punziert wurden), sondern gegossen. Dazu kam das flüssige Metall in Formen, innerhalb sich derer in einer baumartigen Struktur zahlreiche Stücke befanden (siehe Bild). Nach dem Abkühlen wurden die Münzen abgetrennt. Dieses, ursprünglich in China entwickelte, Verfahren wurde noch lange angewendet, z. B. in den Sultanaten der malaiischen Halbinsel noch bis sie um 1900 unter britisches Kolonialjoch kamen.

Münzränder schleifen
Nachbearbeitung gegossener Münzen im Altertum, li.: Schleifen der Ränder durch manuell angetriebene Spindel. re.: Austreiben von Metallresten. Unten: aufgereiht
Münzschnur

Hinweis für Sammler: Das Sammeln von seltenen Münzen, besonders chinesischer und annamitischer Herkunft, wurde unter der Oberklasse schon ab 1750 populär. Spezialisierte Händler „besorgten“ schon damals Fälschungen zum Schaden der Sammler, ein Vorgehen, daß dann gegenüber den fremden Barbaren mit ihrer Vorliebe für curios im 19. Jahrhundert ebenfalls angewandt wurde. Antike japanische Münzen dürften sich in den wenigsten Fällen im Handel finden. Ein Ōban wurde 2011 bei einer Auktion in Kalifornien mit einem Schätzpreis von $300-350000 aufgerufen; schlecht erhaltene Wadō-Sen sind gelegentlich im günstigsten Fall ab $ 600, meist über $ 1000 erhältlich. Ein Zeichen von (gegossenen) Nachahmungen der Tokugawa-Zeit ist, daß der Rand oft nicht glatt geschliffen wurde, mithin so: ∩ statt so: ⊔ aussieht. [Es sei hier auch an die Briefmarken-Imitationen (Bekannt geworden als Fälscher die Japaner Wada Kotarō und Kamigataya, sowie die deutschen Spiro-Brüder. Vgl. ISJP Monograph № 4: Forgeries & imitations of the dragon stamps of Japan und № 8: The Koban Forgeries of Japan, 1979) erinnert. Diese bunt mit exotischen Schriftzeichen bedruckten Stückchen Papier, die man an Europäer für teueres Geld verkaufte, wurden teilweise sogar auf japanisch klein mit dem Wort „Duplikat“ (参考) versehen.]

Anmerkungen:

0) „Münzwesen“ in: Ramming, M.; Japan Handbuch; Berlin 1941. Dagegen Aston; Nihongi; London 1896, Vol I, S. 391: He gave her a present of a thousand pieces … mit der Anmerkung: This is the first mention of coin in the “Nihongi.” It is impossible to say what the measure of rice was, or what the value of the coin. Indeed, I take the whole passage to be a flight of the author’s fancy, stimulated by his recollections of Chinese literature. It contains several phrases from Chinese works. [ ▲ ]
1) Während der Bauzeit des großen Buddha von Nara war es möglich sich gegen klingende Münze, einen Hofrang zu kaufen (献物叙位, Kenmotsushōi; abgeschafft 800). Bereits seit 711 galten die Bestimmung (Chikusen joi no hō), daß die Ernennung in eine Beamtenstellung an den Besitz einer Anzahl von Münzen gebunden war, außerdem hatten Reisende Bargeld mitzuführen. Ab 713 mußten die frondienstleistenden Träger, die zur Ablieferung der Steuern in die Hauptstadt gingen ebenfalls Geld mitführen, das sie zum Kauf von Reis, den ihnen wohlhabende Haushalte abgeben mußten, verwenden sollten. [ ▲ ]
2) Über das Volumen eines shō () zur Wadō-Zeit herrscht Uneinigkeit. Dettmer (2009) (Dettmer, Hans A.; Der Yōrō-Kodex: Die Gebote; Wiesbaden 2009-10; 2 Bde.; ISBN 978-3-447-05940-4; I: CIV) gibt für das kleine shō ≈ 0,24 l, das große hatte ≈ 0,73 l. [ ▲ ]
3) Geschätzte Einwohnerzahl Mitte des 8. Jhdts.: 70–100000, davon 8–10000 Beamte. (Die von Sawada Goichi (1927) angenommenen 200000 Seelen gelten heute als zu hoch geschätzt.) [ ▲ ]
<4/a>) Sakehara erwähnt eine Verdoppelung des offiziellen Silberpreises von 721 auf 722. Ein koku polierter Reis (米) kostete 711 33 mon Kupfer, 758 500 mon und im Hungerjahr 762 1000 mon. [ ▲ ]
5) häufige Typen: 建炎通宝 (südl. Sung, 1127-30, ø 23,2 mm, 3,2 g), 宣和元宝 (ndl. Sung, 1119-25), 嘉祐元宝 (ndl. Sung, 1056-63), 至和元宝. Das galt auch noch für spätere Zeiten, als die Eiraku-tsuhō (永樂通寳 vereinf.: 永楽通宝) – in Japan umlaufendes „gutes“ 'cash' (官制銭 ) der Ming – erstmals geprägt Yung-lê 6 = 1408 – beliebt waren. Ursprünglich gelangten sie (ab ca. 1409-10) als kaiserlich-chinesisches Geschenk (頒賜物) an den Shogun; sie wurden in China häufig gefälscht und dann von Händlern nach Japan importiert. Keichō 11/12/8 (1606) für ungültig erklärt. [ ▲ ]

Literatur:

Externe Weblinks

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