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Shingon-shū

(von Adi Meyerhofer)

Kobo
Statue Kūkais im Shitennō-ji in Osaka.

Shingon-shū (jp. 真言宗, wörtlich: Schule des wahren Wortes, gemeint ist: Schule des Mantra1) ist eine von Kūkai (空海, 774–835) – postum genannt Kōbō Daishi (弘法大師, „Großmeister der Lehrverbreitung“) – im Jahr 807 gegründete Schule des japanischen Buddhismus. Er war Mitglied einer vom Kammu-Tennō nach China geschickten Gesandtschaft gewesen und hatte einige Jahre in der Hauptstadt studiert. Die von ihm gebrachte Form des Buddhismus ist in Japan, zusammen mit Tendai, allgemein als Mikkyo bekannt, was „geheime Lehre“ oder „geheimer Buddhismus“ bedeutet. Man spricht daher auch vom „esoterischen Buddhismus.“ Sie hat ihre Wurzeln in der chinesischen Mizong (密宗, Esoterische Schule) bzw. dem indischen Vajrayāna (Auf die dortige Entwicklung mit ihren Einflüssen aus dem aufstrebenden Hinduismus, die letztendlich zum Vajrayāna führten kann hier ebensowenig wie auf die Übertragung nach China und später Tibet eingegangen werden.) oder Tantra (jp.: 儀軌) und zählt zu den bedeutendsten Schulen des Buddhismus in Japan. Abweichend von anderen buddhistischen Richtungen führt man die Lehren nicht direkt auf den historischen Buddha zurück, sondern glaubt, daß die grundlegenden Sutren der Schule vom Mahāvairocana (jp. Dainichi) gegeben wurden. Die wichtigsten Schriften sind das Vairocana- und das Vajraśekhara-Sutra (jp.: Dainichi-kyō und Kongocho-kyō; zusammen als „die beiden großen Sutras“ 両部大經 [りょうぶだいきょう] bezeichnet. Ersteres wurde von Śubhakarasiṅha [jp. Zenmui, 637-735, ab 724 in Luoyang], der als 5. Patriarch in einer der Transmissionsreihen der Shingon gilt, nach China gebracht. Das zweite übertrug Vajrabodhi [jp. Kongōchi, 671-741], der nach Studien in Nalanda über Sri Lanka und den Seeweg nach Luoyang gelangte.), die vermutlich in der zweiten Hälfte des 7. Jhdts. in Indien verfaßt wurden.
Die Gleichstellung des Mahāvairocana mit den bis dato formenlosen Dharmakāya stellte einen Quantensprung philosophischer Spekulation dar. Bis zur Taishō-Ära existierten so gut wie keine Schriften zur Lehre, die ausschließlich mündlich weitergegeben wurde. Diese mündliche Weitergabe von Lehrer zu Schüler führte bald zur Ausbildung zahlreicher Stömungen (流. Ende 13. Jhdt. 36, im 15. Jhdt. mindestens 70), die sich aber oft nur geringfügig in Ritus oder Doktrin unterscheiden.
Kakuban versuchte ab ca. 1132 in seinem Dai Dembōin (= Negoro-ji) die Lehren des Reinen Landes in die des Shingon zu integrieren. Der 1134 zum Abt (zasu) auch des Kongōbuji ernannte Kakuban trat nach Protesten der Mönche des Tōji, die seine Reines Land Lehren ablehnten, zurück und ging in eine dreijährige Klausur. Der Dogmenstreit kulmimierte im Niederbrennen der mit Kakuban affiliierten Tempel 1140 durch Mönche vom Kōya-san. Kakuban († 1143, 1690: Kōgyo Daishi) flüchtete mit hunderten seiner Anhänger in den Negoro-ji, fürderhin bekannt als Sitz der kriegerischen Mönche der Negoro-gumi und zweitweise größte Produktionsstätte von nach europäischen Vorbildern hergestellten Feuerwaffen. Vernichtet wurde sie durch Hideyoshi 1585.
Die hauptstädtischen Tempel, Tōji, Ninnaji und Daigoji, wo man sich hauptsächlich Ritualen widmete nahmen mit dem Verlust der Macht (und des Reichtums) des Hofadels immer mehr ab. Besonders der Tōji verarmte zusehends, bis es durch den Eintritt des abgedankten Go-Uda-Tennō (reg. 1274-87) in den dortigen Daikakuji 1307 nochmal zu Bedeutung kam. Die Hauptstadt-Tempel wurden in der Folge im Ōnin-Krieg (1467-77) und den folgenden „Wirren“ stark betroffen. Die fünfstöckige Pagode des Tōji, heute UNESCO-Weltkulturerbe, ist weithin in Kyōto sichtbar und mit einer Höhe von 57 Metern die größte Pagode in ganz Japan. Sie wurde in ihrer heutigen Form in der Edo-Zeit auf Befehl von Tokugawa Iemitsu 1644 wiederaufgebaut, war aber ursprünglich zwischen 877 und 888 errichtet worden.
Während des nengo Ōei (1394-1427) – daher ōei no taisei – kam es zu einer Systematisierung der Lehren des orthodoxen Zweiges. Damit einher ging die Vertreibung der hijiri vom Kōya.
Die Shingon Ritsu Tradition wurde von Eison (Eizon; 1201-1290) und Ninshō (1217-1303) begründet, die nach einer Periode des Verfalls von Shunshō Myōnin (1576-1610) noch einmal wiederbelebt wurde. Schwerpunkt war die von Ganjin eingeführte Ordination mit 250 Gelübden.

Aizen
Aizen-Myōō (im Nationalmuseum Nara; 1256)

Darstellungen mit 2 oder 4 Köpfen kommen ebenso vor wie solche mit 4 Köpfen und 4 Beinen. Die indische Paralelle ist Ṭakki-rāja.

Die im indischen und tibetischen tantrischen Buddhismus geübte Praxis der geschlechtlichen Vereinigung zum Zwecke der Erleuchtung war zunächst tabuisiert, wurde aber im 12. Jahrhundert von der Tachikawa-Sekte (立川流) praktiziert, die 1113/4 von Ninkan und Kinren gegründet worden war. In dieser Gruppe gelangte auch der „Weisheitskönig“ Aizen, (愛染明王 [あいぜんみょうおう] , skr.: Rāgarāja) „der von Lust Durchdrungene“ höhste Bedeutung. Ausformuliert wurde die Doktrin von Monkan (= Kōshin; 1278-1357). Die Schule wurde ab 1339 als Folge des Ōei no taisei unterdrückt, die (erfolgreiche) Verfolgung erreichte um 1470 ihren Höhepunkt, Schriften und Gebäude wurden verbrannt, jedoch soll sie bis 1689 im Untergrund weiterbestanden haben.

Eine Rückbesinnung auf das vom Sektengründer befürwortete Mūlasarvāstivāda-vinaya (根本説一切有部毘奈耶, Konponsetsuissaiubu binaya, Pinyin: Genbenshuoyiqieyoubu pinaiye) begannen Myōzui (妙瑞, * in Mino-gun, Sanuki, heute Kanagawa-ken 1696-1764/12/5, = Eshin-bō 惠深房) und Gakunyo (學如 vollständig: Engoku Gakunyo 圓極學如; = Kūgan 空眼. * Kabe-mura bei Aki 1716/11/14-1773/5/11). Dabei ging letzterer soweit, daß er als Abt des Fukuōji (福王寺 in Aki 安藝, dem heutigen Hiroshima), die Tempel, die weiterhin nur dem Dharmagupta-Vinaya folgten zu Herätikern erklärte. Eigon (榮嚴, 1841-1900) und sein Schüler Shaku Unshō (釋雲照, 1827-1909) verfaßten Vinaya-Kommentare und lebensnahe Regeln (shingi) für das Klosterleben. Mit ihren „Reformen“ wollten sie zu den Prinzipien der Vergangenheit zurückkehren; jedoch werden bis heute nur in wenigen Shingon-Tempeln Ordinationen nach dem Mūlasarvāstivāda-vinaya durchgeführt. Unshō wurde vom Kōya vertrieben, weil er sich gegen die Aufhebung des Frauenverbots stellte. Es gelang ihm 1883 den kaiserlichen Prinzen Kuninomiya Asahiko (1824-91) für seine „Gesellschaft der zehn Gebote (十善会)“ zu gewinnen. Sie zielte darauf, der durch die Missionare verbreiteten Idee der caritas etwas gleichwertiges buddhistisches entgegenzusetzen. Unshō bemühte sich auch die im Verfall befindliche Anlage in Bodhgaya wieder unter buddhistische Kontrolle zu bringen. Er bereiste Indien mit seinem Neffen Shaku Kōzen (1849-1924), der sich in Sri Lanka als erster Japaner nach Theravāda-tradition als Guṇaranta ordinieren ließ.

Statistiken gaben für 1915 12336 Shingon-Tempel. Diese Zahl sank bis 1940 auf 12060 in denen 24817 Ordinierte lebten. Die moderne Shingon zerfällt in zwei große Linien, zum einen die „orthodoxe“ Kogi (古義真言宗), mit 13 oder 14 Zweigen, wobei dem Stammsitz Kōyasan zentrale Bedeutung zukommt. Die „reformierte“ Linie (新義真言宗) in der Tradition Kakubans vom Nengoji – nach einem weiteren Dogmenstreit von Raiyu (1226-1304) begründet und von Shōgen (1307-92) systematisiert – hat heute vier Zweige, von denen die Buzan-ha (Hauptsitz: Hasedera) mit 3000 Tempeln und Überseeaktivitäten, die größte ist.

Praktiken: Kūkai bestand auf dem Gebrauch des klassischen Sanskrit im Ritus, der sich seit der Gründung kaum gewandelt hat. Eine der wichtigsten Praktiken des esoterischen japanischen Buddhismus, dessen Shingon-Variante auch als tōmitsu (東密) bezeichnet wird, ist der Gebrauch von Mantras (Bereits im vedischen Opferritus verwendete man Mantras, wobei man glaubte dadurch eine Gottheit herbeirufen zu können. Buddhistische „Keimsilben“ bīja mantra mit nur einer Silbe sollten die Essenz eines ganzen Sutras darstellen. Die ch. Übersetzung von 真言 für Mantra prägten Śubhakarasiṅha (637-735), Vajrabodhi (671-741) und Amoghavajra (705-77), davor war für jede Art Beschwörungsformel [じゅ] üblich gewesen. Dharaṇī 陀羅尼 ist mehr oder weniger synonym mit Mantra, bezeichnet aber meist längere Sprüche.) und Mandalas, die in indischer Siddham-Silbenschrift2 (jp.: shittan 悉曇 oder Bonji 梵字) abgefaßt werden. Am häufigsten wird die Meditation über den Laut „Ah,“ genannt Ajikan (阿字觀) angewendet. Die verwendeten Mantras – der Lehrer weist dem Schüler ein geeignetes zu – lassen sich in vier Kategorien teilen: 1) Mahā-maṇḍala (大曼荼羅); 2) Samen- oder Dharma-maṇḍalas (法曼荼羅); 3) Samaya-maṇḍala (三昧耶曼荼羅), die die Gelübde der Gottheiten in Form ihrer Mudras repräsentieren; 4) Karma-maṇḍalas (羯磨曼荼羅), wobei die Gottheiten in dreidimensionaler Form repräsentiert sind.

Der Pantheon wird gebildet von fünf Buddhas, gefolgt von den vier wichtigsten Bodhisattvas, die in zentralen Hof des Garbhadhātu-Mandalas (= Mutterschoß-M.) gezeigt werden. Von Bedeutung sind auch die fünf Weisheitskönige“ (不動, 降三世, 軍荼梨, 六足尊, 淨身)„ (五大明王; Dharmapālas) sowie die „zwölf Wächtergottheiten.“

Im Mittelpunkt der Praxis stehen die „drei Mysterien,“ nämlich des Körpers, der Rede und des Geistes (resp.: 身密 [しんみつ] Symbol Buddha, 語密 [ごみつ] Symbol Lotus, 心密 [しんみつ] Symbol Vajra). In der „reinen Esoterik (順密, junmitsu)“ ist die Anwendung bzw. Visualisierung von Dharanis und Mudrās (magische Handbewegungen) üblich. Dabei ist kaji, etwa „gegenseitige Kraftübertragung,“ ein Schlüsselbegriff. Besondere Bedeutung kommt den Diamant-Welt- und Mutterschoß-Mandala zu.

Ordinierte können nach weitergehenden Studien und Übungen den Status eine Acharya (jp.: Ajari,, 阿闍黎) erwerben. Laienanhänger können, müssen aber nicht, an einer Initation, die Kechien Kanjō (結縁潅頂) genannt wird, teilnehmen. Angeboten wird diese nur in einigen Tempeln dieser Schule. Für Ausstehende ist die Shingonpraxis am ehesten durch das Ritual des heiligen Feuers (Goma), (護摩 – gemeinhin werden vier „äußerliche“ Arten unterschieden) das auf das vedische Agnihotra zurückgeht, kenntlich. Dabei wird meist Fudō myōō (不動明王) angerufen.
[Auf die zahlreichen Initiationsstufen, Gerätschaften, Mandalas, Mantras, Mudras und Bodhisattvas, die im Ritus und bei Visualisierungen verwendet werden, wird hier nicht eingegangen.]

Kūkai

Kobo
Kūkai (Rollbild im Miho-Museum)

Kūkai (*27. Juli 774 in Byōbugaura, heute: Zentsūji; † 22. April 835 am Kōya-san; Kindheitsname Tōtomono; Geburtsname: Saeki no Atai; postum 857 Daisōjō;, 921 Kōbō Daishi 弘法大師) war der Begründer des esoterischen Buddhismus in Japan. Zum anderen brachte er mehr chinesische Kultur an den Hof. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er zu einem Heiligen, dem zahlreiche Tempel geweiht sind, die umfangreichen Schriften verklären seine Aktivitäten oft mythisch.
Als 15-Jähriger begann er in der Hauptstadt unter seinem Onkel zu lernen, mit 18 wurde er zur Daigaku zugelassen, wo er seine Studien aber zwei Jahre später abbrach. 793 trat er als Novize unter dem Namen Kyōkai (教海) in den Tempel am Makinōsan ein. Den Namen änderte er bald in Nyokō (如空). In der Bergeinsamkeit lehrte ihn ein Asket das „Mantra des Bodhisattva Kokūzō,“ das er eifrig übte. Sein erstes Werk (das noch original erhalten und heute „Nationalschatz“ ist) war das Sankyōshiki, vollendet 797. Darin werden die Lehren des Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus miteinander verglichen. Es folgten einige Jahre als Wandermönch, bis er bald nach seiner Vollordination mit der Botschaft 804 in die chinesische Hauptstadt Ch’ang-an zum Studium gesandt wurde. Er lernte nur drei Monate unter dem Meister Hui-kuo (Bei Hofe als Regenmacher geschätzt; jp.: Keika, starb 805. Die Behauptung japanischerseits er sei „Patriarch“ und Kūkai der einzige legitime Nachfolger ist ein späteres hagiographisches Konstrukt. Man geht soweit zu behaupten Shingon sei mit Hui-kuo in China ausgestorben – tatsächlich war sie nie wirklich als distinkt separate Schule etabliert.) bis zu seiner Rückkehr 806, bei der er zahlreiche Schriften (142 ch. Sutren, 42 Bücher mit Sanskrit-Anrufungen, 32 Bände Kommentarliteratur, 10 Mandalas und 9 Ritualgeräte sowie Reliquien.) und Mandalas mitbrachte. Der neu inthronisierte Saga-Tennō förderte ihn bald – zum Nachteil Saichōs, der Günstling Kammus gewesen war. Drei Jahre später wurde er Abt des Takaosanji (heute Jingoji). Seinem Zeitgenossen Saichō war er zunächst freundschaftlich verbunden, man fiel jedoch aus als Kūkai de facto 813 dessen Unterwerfung verlangte. Im Tōdai-ji-Komplex durfte er eine Abhiṣekha-Halle errichten. Mit der ersten 816 gegründeten privaten Schule, dem Sōgeishuchi-in (die Daigaku stand nur adligen Söhnen offen) versuchte er Bildung zu verbreiten, das Projekt scheiterte bald. Ab 819 begann der mit dem Aufbau des Kōya-san. Der Saga-Tennō (reg. 809-23) übertrug ihm 823 den Tōji, einen bedeutenden Tempel im Süden Kiotos. Innerhalb der geistlichen Hierarchie wurde er 824 shōsozū und daisozū drei Jahre später. 832 zog er sich in den Kongōbu-ji (金剛峰寺) zurück, der noch heute als wichtiger Tempel der Shingon-Richtung gilt.
Sein letzter großer Erfolg dürfte die Erweiterung des Misai-e (御済會, eines der drei Staatsschutzrituale, gehalten für eine Woche ab dem achten Tag des ersten Monats.)-Rituals um die Mishūhō-Feierlichkeit gewesen sein. Sie wurde im Kaiserpalast bis 1871 abgehalten. Bald nach Kūkais Tod wurde dafür ein eigener Tempel nördlich des Daigokuden gebaut, der Shingon-in genannt wurde. Das Ritual wird in leicht abgeänderter Form seit 1883 im Kanjō-in des Tōji zelebriert.

„Sein Andenken wird im ganzen Land bewahrt, sein Name ist in aller Munde, nicht nur als Heiliger, sondern auch als Prediger, Gelehrter, Poet, Maler, Erfinder und großer Kalligraph.“ Es geht um Kukai (774-835; = 弘法大師), einem Aristokraten aus Nara, Absolvent der konfuzianischen Akademie Naras und vielleicht die berühmteste Gallionsfigur Japans; es heißt, er habe seine erste religiöse Abhandlung im Alter von 17 Jahren geschrieben.
Kukai begab sich 804 nach China. Der junge Mönch, der die chinesische Sprache in Wort und Schrift fließend beherrschte, fand Gefallen am Hof von T’ang und dem buddhistischen Meister Hui-kuo. Hui-kuo starb 805 nachdem er Kukai die geheimen Lehren des Mantrajana (Wahre Worte) übermittelt hatte. Nach seiner Rückkehr nach Japan erreichtete Kukai mit Unterstützung des neuen Kaisers [Tenji] die Shingon-Schule in Kioto [?] Bis zum 12. Jahrhundert war Shingon neben der Tendai-Schule die vorherrschende Richtung des japanischen Buddhismus. …
Der Name Shingon geht auf das chinesische Chen-ya (Mantra, mystische Silbe) zurück, … Die absolute Wahrheit wird dem Mantrajana zufolge durch die „drei Geheimnisse“ von Körper, Rede und Geist realisiert. Das Rezitieren von Mantras führt zur Erleuchtung.
Die Shingon-Doktrin soll nicht auf den historischen Buddha Schakjamuni, sondern auf den transzendenten Buddha Vaiocana – einem der Dhyani- (Meditations) oder Jina- (Eroberer) Buddhas zurückgehen, die mit Dharma-kaya, dem höchsten Buddha identifiziert werden.
Schakjamunis Lehre war einfach und für die Öffentlichkeit gedacht; Vairocanas Lehre war subtil und sprachlich kaum zu vermitteln. Die Erhabenheit der universellen Wahrheit galt als Vision Vairocanas und wurde in ausgesuchten Gesten (Mudras), Mandalas und mystischen Silben dargestellt. Kukai bestand auf der Verwendung des Sanskrit …

Der (heute widerlegten) Legende nach, soll Kūkai das Kana-Alphabet ebenso „erfunden“ haben, wie auch bei einer Reise 816 die „Pilgerfahrt der 88 Tempel von Shikoku“4 initiiert haben. Tatsächlich war er als Kalligraph, Poet und plastischer Künstler aktiv und hat für seine Zeit Herausragendes geleistet. Sein Tenrei banshō myōgi ist das älteste japanische Lexikon. Von seinen etwa 50 Schriften sind für die Entwicklung der Shingon-Doktrin das Sokushin jōbutsu gi und Jūjūshin ron (? 830; 十住心論; T. 2442) die wichtigsten. Sein Jikkan-shō blieb Pflichtlektüre für Shingon-Mönche. Kukai werden, um diesen durch höheres Alter eine größere Autorität zu geben, dreizehn Zeremonialen (kōshiki) zugeschrieben, die jedoch sämtlich erst im Mittelalter entstanden.

Kōya-san

Danjogaran
Danjogaran, der zentrale Tempelbezirk des Kōya-san.

Der Kōya-san ist ein monastisches Zentrum, mit 110 Tempeln, auf einem Berg in Kii (Präfektur Wakayama). Es war dies der erste bedeutende Tempelkomplex abseits der Hauptstädte. Kūkai hielt sich 818 fast ein Jahr dort auf und vollführte 819/5/3 die Weihezeremonie. Wie auch im Tendai war die Ordination von Nonnen nicht vorgesehen, Frauen auch der Zugang zum Berg verboten. Der Ausbau erfolgte unter dem zweiten Abt Shinnen. Der Hauptempel selbst wird Kongōbu-ji (früher Saiganji) genannt und ist heute noch einer der Haupttempel des Shingon. Der erste große Brand fand 944 statt, der Berg war nach 1000 fast ganz verlassen, das Zentrum der Shingon war der hauptstadtnahe Tōji. Der Wiederaufbau konnte erst vom Abt Myōsan (1021-1106) vollendet werden, der die Unterstützung der ex-Kaiser Shirakawa und Taba genoß. Die im Rahmen von Kokubans Reformen am Berg sich wieder ansiedelnden Mönche brachten die Lehren des Reinen Landes mit ein, so daß der Kōya-san neben dem Hiei-zan ein wichtiges Zentrum dieser Schule wurde. Die nach dem Vorbild von Fujiwara Michinaga (966-1027) durchgeführten Pilgerfahrten zum Berg gelten als verdienstbringend, und sichern den örtlichen Tempeln bis heute ansehnliche Einnahmen.3 Am Berg siedelten sich auch etliche Amida Hijiri – wandernde Nembutsu-Asketen, vielfach selbst-ordiniert – an.
Gegen Ende der Heian-Zeit wurde es – zuerst bei Hofe, dann auch im Volke – üblich, ein Haar oder einen Teil der Asche eines Verstorbenen am Berg beerdigen zu lassen. Das Feuer 1551 und das Massaker an den wandernden hijiri im Auftrag Oda Nobunagas 1581 führte zu weitreichenden Zerstörungen. Laienanhänger, die gyōnin-gata gewannen im 16. Jahrhundert unter Mokujiki Ōgo Einfluß auf die Verwaltung des reichen Tempelkomplexes, bis sie 1692 von Tokugawas unterdrückt wurden. Bereits 1606 wurden die restliche wandernden hijiri zwangsweise in die Shingon integriert. Seit 1872 ist es auch Frauen gestattet den heiligen Berg zu besteigen. Das Verbot (nyōnin kinzei, 女人禁制) beruhte auf dem Glauben, daß die Frauen durch ihre Blutungen (Mensturation und beim Gebären) Verunreinigungen (kegare) verursachten.5

Die wichtigsten Schätze befinden sich im 1921 errichteten Schatzhaus „Kōya-san Reihōkan.“ Die ältesten Kultbilder am Kōyasan, die wohl noch aus Kūkais Hand stammten, vernichtete 1926 einer der vielen Brände, die das Heiligtum heimgesucht haben. Die UNESCO hat wesentliche Teile der Bauwerke am Kōya als Weltkulturerbe anerkannt. Darunter fallen: Oku-no-in (奥院, wörtlich „tiefinnere Halle“), eine kleine Anlage mit dem Mausoleum von Kūkai, umgeben vom größten und bedeutendsten alten Friedhof Japans mit den Grabstätten bekannter Persönlichkeiten der japanischen Geschichte. Die Kompon Daitō (根本大塔, wörtlich „grundlegende Großpagode“), ist eine Pagode, die nach der Lehre des Shingon den Mittelpunkt eines Mandala bildet, das nicht nur den Kōya-san, sondern ganz Japan bedeckt.

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Anmerkungen:

†) 信義, was mit „Loyalität; Treue; Redlichkeit; Zuverlässigkeit,“ übersetzt werden kann, bezeichnet in der Moderne auch den Kodex der „ehrenwerten Herren“ Japans – den Yakuza. ]
1) Andere Bezeichnungen sind Shingon-darani, Mandara-, Yuga- oder Dainichi-Sekte.
2) Die Siddham-Schrift ist im Unicode-Standard 5.1 noch nicht mit aufgenommen, es gibt 2012 jedoch einen Entwurf, der dafür den Codeblock 11380-113DF vorsieht. Zur Eingabe von Siddham und Ranjana gibt es einen Editor von Opera.
Als „die acht Siddham-Meister“ (悉曇八家 [しったんはっけ] oder 入唐八家) bezeichnet man die acht buddhistische Mönche, die zum Studium nach China gereist waren und dort während ihres Studiums des Buddhismus auch die Sanskrit-Schrift Siddham erlernten. Dies waren von der späteren Shingon: Kūkai, Jōgyō (常暁), Engyō (園行), Eun (恵運) und Shūei (宗叡). Zur Tendai gehörten: Saichō (最澄), Ennin (園仁) und Enchin (園珍).
3) Vgl. Lando, William; The 11th Century Revival of Mt. Kōya; Japanese Religions, Vol. 27 (2002), S. 19-40. [  ]
4) Vgl. dazu die Arbeit von Bohner, Alfred; Die 88 heiligen Stätten von Shikoku; MOAG, 1931; sie wurde 1940 vom Japanologischen Seminar der Univ. Bonn als Dissertation angenommen (Alfred Bohner war von 1922-1928 als Lektor für Deutsch an der Kōtōgakko in Matsuyama) und den Film Pilgern auf Japanisch von Gerald Kroll (2008; 87 min.). [  ]
5) Derartige Tabus bestehen weiterhin. Als in Osaka eine Frau Gouverneurin wurde, wollte sie in dieser Eigenschaft, wie an anderen Orten üblich, den Siegerpokal des Sumo-Turniers im Ring überreichen. Der Sumo-Verband verweigerte ihr dieses, weil sie als unreines Wesen nicht innerhalb dieses „Heiligtums“ toleriert werden konnte.
Bekannt ist eine heiße Quelle bei Beppu, die wegen ihres blutroten Wassers mit der „Blutteich-Hölle“ für Frauen gleichgesetzt wird. (Grundlage dieses Glaubens ist das apokryphe Ketsubon-kyō (血盆經, pinyin: Xiepen jing.) Soothill/Hodous: “The sutra describing the blood bath for women in Hades; it is a Chinese invention and is called by Eitel 'the placenta tank, which consists of an immense pool of blood, and from this hell, it is said, no release is possible;' but there are ceremonies for release from it.”]. [  ]

Literatur

Der interessierte Leser sei auf die umfangreiche, wenn auch oft hagiographische Literatur zu Kōbō Daishi verwiesen. Hermann Bohners Artikel von 1943 gibt einen für die damalige Zeit guten Überblick.

Gesammelte Werke: Kōbō Daishi zenshū; 1910. Neuausgabe 1934 (reprint 1977), 10 Bde. Werke der Schüler: Kōbō Daishi shodeshi zenshū; Kyoto 1942, 3 Bde.

KanjoRekimei
Kanjo rekimei von Kukai’s Hand

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Externe Weblinks

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