日本霊異記
„Legenden aus der Frühzeit des japanischen Buddhismus“ – übersetzt von Hermann Bohner

日本霊異記 Nihon Ryōiki

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Verfasserschaft – Terminus a quo

Terminus a quo

Ist damit der terminus ad quem leidlich bestimmt, so bleibt doch immer noch die Frage offen, wann Kyōkai das Werk begonnen und in welchem Zeitverlaufe er es geschrieben hat.
Ein Blick auf die oben gegebene Tabelle legt die Vermutung nahe, daß die drei Teile des Werkes, von denen jedes eine, auch ihrer Auffassung nach, gesonderte bzw. sondernde Vorrede hat, nacheinander gesondert entstanden sind.
Der erste Band führt bis Shōmu's Zeit, vielleicht mag man sagen, daß die Vorrede schon auf Shōmu zurückblickt; der zweite Band schließt mit Junnin ab, erscheint also ebenfalls durchaus noch in Nara geschrieben; der dritte Band erzählt im wesentlichen Dinge aus den letzten beiden Jahrzehnten der Nara-Hauptstadt, und noch in einer der letzten Erzählungen (III, 37) residiert der Kaiser in Nara – was vielleicht auf Heijō d. i. Nara-Tennō deutet, welcher ja die Hauptstadt wieder zurück nach Nara verlegt; im übrigen aber ist von der 30. Erzählung ab der dritte Band Ereignissen der Heian-Zeit gewidmet. Daher ist die Ansicht oft vertreten worden, daß Kyōkai den ersten Band in jungen Jahren, den zweiten im mittleren, den dritten im hohen Alter geschrieben habe. Wann etwa sollte dies gewesen sein?

Schlüsse aus den Lebensjahren des Verfassers

Wenn Kyōkai bis in das 14. Jahr Kōnin (823) gelebt hat, so ist er vielleicht in diesem oder den nächstfolgenden Jahren, Periode Tenchō, unter Kaiser Junna gestorben. Von 824 bis zu Shōmu's Rücktritt vom Throne 749 sind es 75 Jahre. Während Shōmu's Regierung müßte Kyōkai, wenn er schon lebte, sehr jung gewesen sein. Aus der Art, wie Kyōkai in II, 21 von dem im 4. Monat des Jahres 749 „Todaiji“ benannten Tempel und den zu diesem gehörigen Drei-Monden-Tempel1 (Sangwatsudō; 三月堂) spricht, glauben Forscher entnehmen zu können, daß Kyōkai dies spätestens in den letzten Jahren Kōken Tennō's niederschrieb. Demgemäß scheint ihnen das Werk unter dieser in Nara herrschenden Kaiserin, der Tochter Shōmu's, begonnen, unter den letzten Nara-Herrschern im wesentlichen fertiggestellt, und die zehn letzten Erzählungen und damit das Werk in der Heian-Zeit vollendet. Diejenigen Forscher aber, die das Werk gleichsam aus Einem Gusse entstanden denken, weisen darauf hin, daß Kyōkai aus dem 6. Jahr Enryaku (787) von sich erzählt, daß er Frau und Kind habe und daß er andrerseits sich schon in der Vorrede des ersten Bandes Samon des Yakushiji nennt.

Die Person des Verfassers

Es ist wenig, was wir von Kyōkai wissen, und das meiste, wenn nicht alles, wissen wir durch ihn selbst. Man hat die geschichtlichen Quellen nach Kyōkai durchforscht und ist dabei als auf das zunächst historisch gesichert Erweisbare, auf das im Jahre 1712 (Shōtoku 2. Jahr) gedruckte, von Kō-un-sai verfaßte „Nihon-ryō-i-ki“* gestoßen, eine popularisiert-verwässerte Kurz-Ausgabe des alten Ryō-i-ki (I. Band 22; II 23; III 25 Erzählungen), ein Werk, das ich im Originaldruck selbst besitze, das als Paralellwerk oder Quelle durchaus nicht in Betracht kommt, dessen Vorrede aber von Interesse ist, weil Kō-un-sai darin sagt: „Kyōkai war ein Kleriker des Yakushiji von Nara im Wa-Land (Yamato); man überliefert: er sei ein Mensch der Zeit Kōken's gewesen; aber der Beweisgrund dafür, ob dies so war oder nicht ist ihm nicht deutlich ersichtlich.“ – Dies haben Spätere wiederholt.
Auch die „Biographie der Hohen Mönche Japans“ (Hōnchō Kōsōden) berichtet, daß der Shaku Kyōkai im Yakushiji gewohnt habe. Darüber, wo er geboren, sagt sie, wisse man nichts Genaues; er habe der Yushijiki, d. i. Hossō-Sekte angehört. Diese Bemerkungen führt Hashigawa Tadashii2 aus, entstammen alle dem Ryō-i-ki selbst; insbesondere wurde daraus, daß Kyōkai im Yakushiji, dem großen Tempel der Hossō-Sekte wohnte, geschlossen, daß er ihr angehört habe.

*) Bibliographisch nachweisbar ist: 諾樂藥師寺僧景戒; 日本霊異記; Ōsaka 1714 [正徳 4] (秋田屋太右衛門) mit 31, 30, 19 Geschichten.

Nirgends erfahren wir mehr über Kyōkai als in der 38. Erzählung des 3. Bandes seines Werkes. Wie eine neue Vorrede, wie ein Epilog quillt sie hervor; wie erwachend schweift die Erinnerung nochmals über die mitdurchlebte Zeitgeschichte und wendet sich dann, in einem zweiten Teile, dem eigenen Leben des Verfassers zu; was ihn diese lange Zeit über bewegt hat, strömt heraus; auch die Motive, die ihn zu dem Werke bewegen, kommen hervor: es ist als würde Kyōkai erst jetzt ihrer voll gewahr. Die letzte Erzählung aber richtet, in einer sehr lebendigen Weise und ganz in der Art des erfahrenen, alten, buddhistisch-konfuziianischen Menschen ihr Augenmerk von dem Ich weg auf das Ganze, auf Herrscher und Staat, auf Erde und Himmel der unmittelbaren Gegenwart.

Das buddhistische Gemüt des Verfassers der Ryōkoku-Daigaku-Schrift hat sich sehr hineinvertieft in die 38. Erzählung und zeichnet sehr anschaulich den das Ryō-i-ki schreibenden Kyōkai, so wie er gerade ihm entgegenschaut: Es ist Mitt-Herbst, die gelben Blätter fallen, ein kalter Wind weht, es düstert, Einsamkeit fröstelt herein. Noch ist Kyōkai im Laienstande. Weib und Kind kann er nicht ernähren. Da ist nicht Gemüse noch Salz noch Feuerholz, alles und jedes fehlt. „Kummer treibt mich um, unruhig ist mein Herz; bei Tage wieder Hunger und Kälte, bei Nacht wieder Hunger und Kälte.“ Umzirkt von bonnō (Leidenschafts-Wirrsalen; 煩悩) ist Kyōkai; wie ein Ertrinkender ist er im Meere der Bitternis. Vorbei ist die Jugend. Das Alter naht. Und dann? Im Traume (7. Jahr Enryaku 788) sieht Kyōkai's Seele in typischer okkulter Weise den eigenen Leichnam brennen. „Ein Zenkon (Grund und Fundament für das Ewig-Gute),“ sagt Kyōkai zu sich, „habe ich nicht gelegt; Verdienste, d. i. etwas, das mir ewig zugute kommen wird, habe ich nicht bereitet. Wehe! Wehe!“ Aber gerade hier zeigt sich (sagt jener Verfasser) der rechte Mensch Kyōkai. Er flucht nicht darob dem Himmel; er schilt nicht die Menschen; er klopft an seine eigene Brust; jetzt erst völlig erkennt er an, daß dies die Ernte der eignen Saat (Ingwa; 因課) ist; er bereut; er tut Buße; er wendet sich einem völlig Neuen zu. Er tut Gutes (shūzen; 修善): er ist schon vordem mit dem heiligen Wort in Berührung gekommen; aber jetzt entfaltet sich in ihm der große Eifer; er studiert die Sutren, er erlangt jene erstaunliche Schriftkenntnis, die das Ryō-i-ki zeigt. Er sucht das heilige Werk des Buddhismus zu fördern; wie andre verdienstlicherweise, ein gutes Zenkon pflanzend, Sutren abschreiben, Statuen und Tempel errichten, so, dem Großen Werke zu Dienst, den andern und seiner eigenen Seele zu Nutz und Verdienst (vgl. besonders die letzten Worte der Schrift in III, 39 sowie die Schrift der Vorrede) schafft und verfertigt er das Ryō-i-ki. Der Rang eines Dentō („Lichtbringers“) wird ihm zu teil (III, 38: 14. Jahr Enryaku 796; vgl. auch die Endbemerkung des Buches); die Hoffnung des Paradieses geht seiner Seele auf.

Anmerkung

1Teil des Tōdai-ji in Nara. [ ▲ ]
2橋川正; 霊異記の研究ーその原拠及今昔物語三宝絵詞との関係ー; 京都文学会, 13, 3, 大 11年. Neuere Forschung hat Hashigawa's Ansichten bestätigt und führt die biogr. Informationen auf die dem Owari-Text zugrundeliegende NR-Abschrift zurück. [ ▲ ]

Zur Vielzahl der japanischen Beiträge um und über das NR siehe die Bibliographie (ca. 1250 Einträge) von Prof. M. Terakawa des Doshisha Women's College, in der auch neuere Forschungen zu den obigen Fragen zusammengestellt sind.