日本霊異記
„Legenden aus der Frühzeit des japanischen Buddhismus“ – übersetzt von Hermann Bohner

日本霊異記 Nihon Ryōiki

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Im folgenden Abschnitt, in dem Bohner aus chinesischen Quellen zitiert, wird nur sein einleitender Text gegeben, da die zugrundeliegenden chinesischen Quellen nicht vorlagen. (Fehlende Stellen sind mit „[…]“ gekennzeichnet.)

Blicken wir einmal in diese chinesischen Legenden1 hinein! (Merke: Fa-hoa-tschuan-dji „Lotusblüten-Überlieferungsbericht“; Abk.: FH)

Im Vordergrunde alles Erlebens steht das Erlebnis des Ingwa (因課; der „Ursache und Wirkung,“ des „wie die Saat, so die Ernte“); es ist das Erlebnis, daß jede Tat eine Wirkung hat, und daß diese Wirkung mit der Tat korrespondiert. Es ist im Grunde das Erlebnis der Kausalität, welches mit so ungeheurer Macht über diese Seelen bricht, aber nicht (wenigstens nicht ausschließlich) das der theoretischen Kausalität, sondern jener immer in Antinomie zu dieser stehenden „Kausalität“ des Praktischen, des Handelns (Kant: Der Postulate), ohne die überhaupt kein Handeln vor sich geht. In volstümlich-eindrucksvollen Bildern stellen die Legenden dies „wie das In, so das Kwa“ vor Augen. Hiebei ist es nur natürlich, daß bei dem bösen In Vernachlässigung des Buddhistsisch-Gebotenen besonders hervortritt. Die Vergeltung erfolgt oft schon im gegenwärtigen Leben (gembō).

Bei dem Guten In, bzw. dem guten Kwa, tritt das Buddhistisch-Heilige hervor. Es erettet und hilft, befreit und erlöst über alles menschliche Denken hinaus; es schafft Kausalreihen, wo irdisch gesprochen keine sind.

  • KA I, 6: Jemand reist in einsamer, unsichrer Gegend; Räuber kommen; er scheint eine sichere Beute der Räuber, er vertraut dem Heiligen; eine unsichtbare Stimme leitet die Räuber weiter und rettet die Reisenden.
  • KA I, 8: Raubtiere werden zu Lämmern durch das Wort.
  • KA I, 13: Irrlichter an unheimlichen Gräbern bringen nicht Schaden.
  • KA II, 6; MC II,6: Schaurige Worte entweichen vor dem heiligen Worte.
  • MC V, 11 aus MB; KA III,5: Wesen, gebannt im tierischen Leib (kleiner Schuld halber, zwei Täublein); werden durch Hören und Aufnehmen des hl. Wortes (Hokke-S.; Diamants-Weisheitssutra) zu neuem Menschendasein erlöst.
  • KA I, 9 (KB) 10, 14; MC II, 3 (FY 18): Durch das hl. Wort des überirdischen Wesens (Dws, Kongo-hannya-Kyō) lösen sich Fesseln.
  • MA II, 13 (FY 36; FH 6; MC II, 3; KW 112 aus FH): Durch das Fumon-bon des Lotosblüten-Sutra wird der in strengstem Gewahrsam Gehaltene, in Ketten Eingeschmiedete Dung hsiung frei.
  • KA I, 23 (KB): Todkranker, der sich schon Genosse des Todes glaubt, findet Rettung und lebt bis ins hohe Alter von 90 Jahren.
  • KA I, 30: Wo der berühmteste Arzt keine Hilfe mehr kennt, und keine Arznei mehr rettet, da kommt aus dem Heiligen die Rettung. (vgl. KA I, 32)

Das ganze zweite Buch des ersten Bandes des Kongō-hannya-shūkenki ist ein einziger Lobpreis auf die Kraft des heiligen Wortes zur Wendung von Krankheit und langen Erhaltung des Lebens (vgl. bes. noch I 31, 21) – wobei jedoch, anders als im Ryō-i-ki, von Blinden und Tauben kaum die Rede ist.

  • KA I, 4: Selbst das Mädchen, das die Verwandten seiner epidemischen Krankheit wegen halber ins Wasser werfen wollen, findet doch noch, auf unbegreifliche Weise, Schutz und Errettung.
  • MA I, 1: Die Unfruchtbare wird schwanger; Kwannon, der sie ganz vertraut, schenkt ihr einen Sohn, den später berühmten Mönche Hsin-hsing.

In der Verzweiflung des Schiffsbruchs rettet das Heilige.

Aus 1000 Meilen ferner Ferne, aus fremder Wüste, aus hoffnungsloser Gefangenschaft, ja Sklaverei, führt das Heilige wieder zur Heimat zurück. (MC II, 2; FY 94: 3000 Meilen zum Taishan durch Taischan-[Engel-] Knaben)

  • KA I, 28 (KB): Zehntausend Meilen Wegs entfernt, auf militärischer Expedition gegen die fernen Barbaren, von den Feinden überfallen und besiegt, fliehend, begegnet der dem heiligen Wort innig Ergebene plötzlich fünf wundersamen Reitern, derer einen ihm zuruft: „Fürchte dich nicht!“ Rettung und Heimkehr wird geschenkt.
  • MA I, 9: Der Sohn ist fern; die alten Eltern haben schon die Hoffnung aufgegeben und lassen in stattlicher geistiger Versammlung, zu der sie über hundert Verwandte und Bekannte hergebeten, Seelenmessen lesen. Da klopft eine Mönchsgestalt an, bittet um Essen und Stiefel; man lädt ihn ein zu bleiben, doch er lehnt ab, da er dringend zurückmüsse. Nun erscheint er dem kriegsgefangenen, in Sklaverei gefallenen Sohn, der in der Steppe Rinder hütet. „Warum kehrst du nicht heim? Vater und Mutter warten dein.“ Der Sklave Gewordenen meint: „Ich wage es nicht zu hoffen.“ – „So stärke dich durch dies Essen! Dann zieh diese Stiefel an!“ Der Mönch breitet die geistige Schärpe aus, setzt ihn darauf, nimmt sie an den vier Zipfeln und enteilt mit ihm. Siehe, plötzlich steht der Sohn wieder vor der Eltern Tür!

Das Heilige verkörpert sich meist im Wort, bzw. in der Schrift. Anders als im Ryō-i-ki, treten die Statuen und Gemälde fast völlig zurück (MA II, 3; FH 5; MA II, 6; MA, II, 13).

  • MA I,5 (FY 26; KW 91): Priester, der über 80 Mal das Nirwana-Sutra vorgetragen und darüber gepredigt, stirbt. Mitten im tiefen Winter blühen auf seinem toten Körper die Blumen auf.
  • MC III, 5 (FY 70; KW 121): Wohlgeruch strömt aus dem Grab des frommen Vaters, als das heilige Wort gesprochen wird.
  • MA II, 4 (Fl 5 [?]): Vater, von kindesliebenden Sohn gepflegt, stirbt; drei Jahre lang liest der Sohn ihm zu gute das Lotusblüten-Sutra; Tiger kommen es zu hören, Wunderpflanzen, wie von Menschenhand gepflegt, erwachsen um das Grab.
  • MA I, 3 (FY 95; FH 8): Der Mönch Sengtsche erbarmt sich eines Aussätzigen, versieht ihn mit Kleidern, lehrt ihn das Lotusblüten-Sutra; der Kranke jedoch kennt keine Schriftzeichen; er müht sich sehr; nächtens im Traum kommt jemand und lehrt ihn; da lernt er schnell; die Krankheit bessert sich.

Die Diamants-Weisheits-Erweisungs-Schriften suchen in erster Linie Ereignisse zusammen, welche die Macht das Diamants-Weisheits-Sutra (im Folgenden abgekürzt: DWS) dartun.

  • KA II, 21: Glanz geht von ihm aus für den, der es oft liest
  • KA II, 19: Einer, der es 84000 Mal gelesen, findet prompte Hilfe.
  • KA II, 7 (KB): Im Brand des leichtentzündlichen abbrennenden Tempels verbrennt es nicht, während das Sutrenbehältnis verbrennt.
  • KA II, 10: Das Haus, in dem es ist, bleibt mitten unter brennenden Holzhäusern unversehrt.
  • KA II, 12: Mitten in ungeheurer Feuersbrunst bei höchster Gefahr wendet sich plötzlich der Wind, dank dieses Sutra. (Man denke an die bekannte Feuerabwendung beim letzten Erdbeben in Tokyo 01. Sept. 1923.)
  • MC VII, 2 (FY; KW 103): Im Heidebrand brennt eine Stelle nicht; Jäger untersucht die Sache und findet daselbst einen toten Mönch mit diesem Sutra.
  • KA II, 18: Wasserfluten drängen in den Tempel. Die Mönche ergreifen ihre Sachen und fliehen. Nur einer, voll des überirdischen Wissens, bleibt und liest ruhig die hl. Worte dieses Wissens (DWS); kein Tropfen dringt herein.
  • KA II, 16: Unheimliches Gebäude, in dem keiner nächtigen will, wird durch DWS entbannt (anders als NR).
  • KA I, 12: Errettung vor Verfolgern durch dies Sutra.
  • KA I, 16: Bewahrung in steilen Klüften durch es.
  • KA I, 2: Errettung aus Gefangnennot durch es.
  • KA II, 15: Tempel, der meilenweit vom Wasser ist, erhält Wasser durch es.
  • KA III, 2. Teil, Erzählung 12-22 Buch „Erwiedrung (des Göttlichen auf Bitten, Sutrenlesung usw.)“ handelt durchweg (ausgenommen II, 19) von der Macht dieses Sutra zwecks Abwendung katastrophaler Regen, bzw. bei Dürre zwecks Erhaltung von Regen oder Schnee.
  • KA III, 19: Altem Mönche wachsen dank DWS bei Ausfall der Zähne andre nach.
  • KA I, 7: Der junge Wang soll mit Tschu heiraten. Die Eltern wollen nicht. Er sagt: „Wenn du mich nicht nimmst, werd' ich sterbend zum Dämon (gui).“ Sie heiratet letzlich einen andern; doch als der Gatte auf der Reise ist, naht ihr nächtlich im Traum ein andrer. Sie fühlt ihren Leib schwanger werden. Sie nimmt zu dem hl. Worte des überirdischen Wissens Zuflucht, betet es, und tut Gelübde und ruft bei jedem Umblättern: „Wenn es vom Dämon ist, so löse es!“ Ihr Gebet wird erhört.
  • KA III, 3 (MB): Dharma-Meister, der in DWS lebt, verwandelt sich sterbend sichtbar zum Kami (Gott).
  • KA II, 11: Priester predigt über die triumphale Macht des Sutra des überirdischen Wissens; keine Sünde, kein Tod, keine Hölle, kein Hemmnis, das es nicht überwände. Hirsche eilen herbei und horchen seinen Worten zu.

Geschieht in diesen Fällen die Vergeltung im gegenwärtigen Leben (gembō), so spielt natürlich in den Erzählungen eine große Rolle die Vergeltung nach dem Tode. Sorgfältige Betrachtung wird hier wohl zwei Dinge voneinander scheiden: erstens Erzählungen kommend aus dem, was um den Tod her erlebt wird, zweitens das Ingwa-Erlebnis. Gute Beobachter des Chinesischen haben gesagt, daß dem Chinesischen die Geschichte wie auf breiter gemeinsamer Ebene sich breite; ihm leben die Ahnen noch immer, wenn auch fernergerückt.
Im buddhistischen Bereich ist es ähnlich: die Vorstellung, daß es mit dem Tode aus sei, ist die ungewöhnliche; eben daß es wie im Leben weitergeht, macht die Beschwer. Leben und Nach-dem-Tode sind nicht wie bei dem modernen Abendländer getrennt. Das große primäre Erlebnis ist das Erlebnis des Ingwa, das Erlebnis, daß jede Tat ihre Frucht hat, daß Gerechtigkeit, daß ein Sinn in der Welt ist. Einerlei wann, einmal findet alles seine Beurteilung; einmal gewiß, kommt man vors „Amt“ (das ja beim Chinesen und auch sonst, wo es recht darum steht, immer etwas Himmlisches, Metaphysisches in sich trägt), und das Amt spricht dann öffentlich – auch das Öffentliche ist metaphysisch, weil allumfassend, allgültig – aus, wie die Dinge stehen.
Dieses „Amt,“ von dem fast alle diesbezüglichen Erzählungen sprechen, wird zunächst gleichsam olympisch, vom chinesischen Olymp her geschehend, vorgestellt, d. i. von dem Erhabenen mehr-als-hohen Berge her, dem Taischan, welcher sich ja, wie oben erzählt, voller Güte erzeigt und aus Fremde und Sklaverei erettet. Man mag diesen Erhabenen Berg ersteigen und mit der Gottheit dort reden: ein durch heiliges Leben gegen alle Schrecken des Numens und des Todes gefeiter Mönch, macht sich auch (in MA II, 2; FY 26; FH 8; KW 99) auf, steigt empor und bittet um Aufnahme für die Nacht, um die Gottheit, die ja „im Dunkeln wohnt,“ zu sprechen. Aber der Wächter rät ab: „ Hier ist keine Gaststatt, alle die blieben, starben jäh.“ Doch der Mönch weicht nicht. Unter Donner und Schrecken erscheint der Richter. „ Warum hast du vordem meine beiden Gefährten getötet?“ fragt der Mönch. „Als sie meine Stimme bernahmen,“ antwortete jener, „erschraken sie zu Tode; ich tötete sie nicht.“ Und der Mönch redet mit dem Gott „wie Mensch zu Mensch“ und erfährt Langes und Breites über Recht und Gericht. — Während in der einen Erzählung das „Amt“ deutlich im Norden liegt, ist es in der andern klar als unter der Erde bezeichnet; immer ist es viele Tagesreisen bis dahin; wieder in anderen Erzählungen ist es durch Meditation zu erreichen.

  • MA I, 2 (FY 95; FH 5): Der Mönch Huiju, der sieben Tage lang unbeweglich in Meditation versunken ist, schaut es und berichtet ausführlich davon.
  • MA II, 8 (FY 10; KW 297): Einer möchte einmal so gern dies Amt und die dort Waltenden sehen und sicher erfahren, ob sie existieren oder nicht. Nachdem er zehn Jahre studiert und geforscht, begegnet ihm plötzlich der Geisterkönig zu Pferde, in Gestalt eines hohen Mandarinen, mit dementsprechenden Gefolge von 50 Berittenen, gibt ihm auf Fragen genaue Auskunft, über den eigenen Namen und wo und wann er vordem (auf Erden) beamtet gewesen – was sich hernach genau bestätigt.
  • KA I, 3: Hsüan-do (Vgl. NR II, 24), ein hoher Beamter, reist zu Schiff auf dem Strom und – echt chinesisches Novellen-Motiv – lädt jemanden, den er am Ufer harren sieht, zur Fahrt ein, bewirtet ihn, unterhält sich mit ihm fragt ihn auch, wer er sei. – Ja, sagt der andere, ich komme vom Seelenlande und bin ausgesandt Hsüan-do zu holen. – Der Beamte erschrickt: „Der bin ich! Aber ist nicht irgendwie da noch etwas zu machen?“ Der Bewirtete rät ihm zum Diamant-Weisheits-Sutra.

Beim Amte werden Beamte und Richter gebraucht.

  • MA III, 24 (FY, 12; KW 298): Der Präfekt Liu stirbt plötzlich, erwacht aber hernach wieder zum Leben und erzählt: als er vor das Amt gekommen sei, habe man ihn dort gebeten, eine unbesetzte Richterstelle zu übernehmen; da er jedoch immer wieder gebeten habe, ablehnen zu dürfen, habe man ihm gesagt: „Zu sterben habt Ihr nicht not; aber einstweilen seid so gut einmal und sprecht Recht!“
  • MC IV, 1 (FY 64; KW 116): Li dschï li ist ein vortrefflicher Schütze. Er wird bestellt einen Feind, der sich offenbar immer zu entziehen versteht, zu erlegen. Li weigert sich. „Vernichte ihn oder wir vernichten Dich!“ Li gehorcht und gelangt wieder zur Oberwelt.

Ungeheuer viel zu tun ist auf dem Amt; alles und jedes wird notiert und registriert; Rechtsprechung muß auf den Tatbestand sich gründen; dieser muß schriftlich fixiert und beglaubigt sein. Riesige Rechtsregister werden geführt (MA II, 19); vier bis fünf Tage allein dauert die Durchsicht der Akten (MC V, 5. Eine Geschwindigkeit von der man auf deutschen Ämtern heutzutage nicht einmal träumen darf!); alle und jedes wird verfolgt, belohnt, geahndet.

  • MC V, 11 (FY 57): Weib leistet Entgelt für die geschuldeten 100 Rollen Tuch ihres Mannes.
  • MC III, 9: Frau, die sehr viel Gutes getan, wird schon entlassen; da sie aber reine Rechnung möchte, wird ihr ihre Zweizüngigkeit vorgehalten und deshalb sieben Tage lang ihre Zunge mit Stock und Eisen fürchterlich geplagt.
  • MA III, 19 (FY 88; KW 381): „Warum hast Du die beiden Wasserbüffel getötet?,“ herrscht der Richter einen Geladenen an. „Das hat mein jüngerer Bruder getan.“ Man sieht nach in den Akten; der jüngere Bruder erscheint in der Qual
  • KA II, 20: Hannya-Frommer findet prächtige Stätte bereitet.

Oftmals geschieht es, daß der Richter fragt: „Was hast Du Gutes getan?“ und der Gerufene antwortet meist: „Arm und gering war mein Haus und Leben; einzig das Wort des Überirdischen Wissens ließ ich nicht ab zu singen.“ – „Vortrefflich, vortrefflich!“ ruft der Richter und seufzt tief auf in vor innerer Bewunderung (KA III, 2 aus KB; MC II, 2 aus KB; KA III,1 aus KB; MC II, 5) und schickt die Gerufenen wieder ins Leben zurück. — Riesig ist der Betrieb: über 100 sieht We (in MA II, 17) zur Vorführung bereit; viele Tausende sieht Kung-ko (MA II, 19).
Aller angestrebten Genauigkkeit zum Trotz, laufen bei solch großem Rechtsorganismus natürlich auch Versehen mitunter: mancher wird fälschlich herbestellt, z. B. Min (KA 1,24), der von 10 Boten fortgeleitet wird und in der Unterwelt Yü hsin, dessen Schriften er gern gelesen, zum Tier verwandelt zu sehen bekommt.

  • MA II, 9 (FY 130; KW 377 aus Ming-hsiang-dji): Sun huio po trifft, von Unterweltsboten fortgeführt, nach langer merkwürdiger Reise auf andere Boten, die auch einen geholt haben: es stellt sich heraus: bei Sun liegt eine Verwechslung vor – und er erwacht wieder zum Leben.
  • MA II, 5: Sun bau, der Fromme, Kinderliebende, stirbt; aber da noch etwas Wärme an ihm ist, begräbt man ihn nicht. Nach 40 Tagen erwacht er und erzählt. Er hat die eigene Mutter gesehen, die seit ihrem Tod im Kerker war. Als er vor das Amt kommt, findet dieses ihn ohne Schuld. „Er sei losgelassen!“ ruft der Richter. Doch Bau bleibt. „Ist die Frage gestattet?“ fängt er an. Man nickt. „ Gibt es Kwa (Vergeltung im wahren Sinne) oder nicht?“ Amt: „Was fragt ihr? Natürlich.“ Bau: „Jemand hat im Leben fast nur Gutes getan und sitzt acht Jahre im Kerker, und es ist meine eigene Mutter.“ Das Amt ist befremdet. Man ruft den Unterbeamten. Der bestellt den Registrator. Dieser geht ans Sekretariat. Man forscht nach. „Die Akten sind verloren gegangen!“ Eiligst gibt man sie los. Die Stätte der Seeligkeit gibt man ihr zu schauen.
Hölle
Chinesische Höllenvorstellung

Das Bildliche diese Erzählungen ist deutlich dem Irdischen entnommen. Vielleicht entwickelte sich zugleich mit der Erfahrung des riesigen, chinesischen Rectsorganismus, der über Provinzen, Völker und Rassen hinwegreichte, das religiös-metaphysische Ingwa-Erlebnis. Nun haben in China Amt und Gericht es selten an Belobigungen, Ehrenpforten, öffentlichen Auszeichnungen fehlen lassen; allein ebenso dringt der Chinese, in vielem dem Römer verwandt, auf strenges Recht. Viele wahre und übertreibend-unwahre Geschichten sind darüber im Westen im Umlauf. Auch geht die natürliche Inklination des Rechts, vollends in alter Zeit, zum Strafrechte hin. Das „(von Hunden bewachte oder hundsmäßige) Erdgefängnis,“ wie die Hölle chinesisch-japanisch heißt ist vom „Amt“ schwer zu trennen. Wenn nun heute noch dem Europäer vor chinesischem Kerker graust, wenn der Anblick der Strafjustiz ihm Schaudern einflößt, wie mag das alles oftmals in alter Zeit gewesen sein! Von der Hölle war es zeitweise nicht viel verschieden. Und man erzählt davon! Was die Strafjustiz in Krieg und Frieden schuf, war für die alte Zeit oftmals das, was dem heutigen Menschen zoologischer Garten oder ein Boxkampf ist. Daher die vielen Hadesberichte (KA 1,10 aus KB; I, 24, 27; II, 5; III, 1, 2. MC I, 3, 6; II 2, 5, 9, 20; III 3; IV, 1, 5; V, 3, 5, 7, 9, 11; VI, 3, 6. MA II, 16-19; III, 3, 5, 19, 21, 24 u.ä.)

Wie jene beiden Mönche der christlichen Erzählung, machen zwei Orientalen, die nicht an Ingwa glauben, aus, daß der zuerst Sterbende dem andern Botschaft bringe. Der eine fällt plötzlich vom Gefährt, und stirbt und bringt Kunde (MA II, 16).
Jemand hängt so sehr an seinem Besitz, an Reichtum und Sklaven, daß er sie sich bei seinem Tode „nachschicken“ läßt. Einer der Sklaven erwacht wieder und erzählt von der Vergeltung der Hölle. (MA II, 5; FY 50 aus MB; KW 382 aus FY; FH 8).
Einer, der schon in der Hölle gewesen, kommt (in MB) nocheinmal dahin (MC V). – Plötzlichem merkwürdigem Tod folgt oft das Wiedererwachen, die Angehörigen zaudern, den Gestorbenen in den Sarg zu legen; manchmal zeigt sich Wärme überm Herzen oder sonstwo; oder plötzlich geht durch das Bein ein Zucken. (Noch vor kurzem klopfte hier irgendwo in Japan das im feierlichen Begräbniszuge zum Grab hin getragene Mädchen an die Lade; nach genauem Bericht der Mainichi-Zeitung [1933/4 !].)

Das über die Unterwelt Berichtete ist in den Einzelheiten sehr verschieden. Doch gewisse Züge kehren immer, bzw. häufig wieder: weit ist der Weg; fern und dunkel das Land; „wie wenn man im Nebel geht, ist es“ (MC III, 3); Boten stehen plötzlich da und holen den Geladenen mit sich fort; steil ist der Hang, tief und dunkel das Wasser. Endlich taucht das Amt auf. Riesig ist die Anlage: Tore und Mauern und fern wieder Tore und Mauern. Man wird vor den Richter geführt. Zittern ergreift die Seele. Dies irae, dies illa … ! Wunderbare Rettung geschieht. Aber Ort an Ort zeigt sich Qual, Strafe, Marter. Irrend durch diese Schauder hört Jin-i-fang wie von Himmelhöhen her wie Glöckleinsklang heilige Worte intoniert; er folgt der erst kaum hörbaren Stimme; sie wird deutlicher und führt ihn zuletzt in die vollkommene Helle zurück (MC III, 3; FY 36; KW 382).

Ist in all diesem das Ryō-i-ki den chinesischen Quellen auf engste verwandt, so ist es drittens in andrer Hinsicht eine völlig andre Welt: jene Quellen sind chinesisch; das Ryō-i-ki ist japanisch.
Wer die beiden Länder kennt, sieht und merkt dies aus Schritt und Tritt; wer die beiden Sprachen spricht und liest, dem sagt es jeder Laut. Es ist ein Unterschied wie zwischen Griechen und Römern. Dort liegt der Wasserbüffel im Reisfeld, den man in Japan gar nicht kennt; da trabt das Eselchen übers chinesische Land; das schwarze Schwein, die Schar der Hunde belebt das Dorf; Schafe und Ziegen sind zahlreich. Wer sollte die ungeheuren Weiten durchmessen, Kriegszüge führen ohne Pferde? Das Ryō-i-ki erwähnt kaum einmal ein Pferd (die zwar bekannt, aber auch erst nach 700 allgemein als Lasttiere gebraucht wurden). Meist erzählt es vom Ochsen. Das starke mächtige Tier vor dem zweirädrigen Karren wird dem durch Japan Gereisten unvergeßlich sein. Von Krabben und Fischen ist viel die Rede. Den Chinesen sind sie nicht so wichtig. Ihnen ist das Meer, was den Römern der Erdkreisstrom, wohl bekannt, aber gleichsam peripherisch. Ströme, deren Größe nur der kennt, der sie befahren hat, sind ihnen, was anderen das Meer, Ströme, durch riesige Gebirge sich drängend, Schluchten durchströmend, in den riesigen Ebenen unüberschauber breit wie Seen strömend. Derlei kennt das Ryō-i-ki nicht. Aber das Meer ist ihnen vertraut, indbesonders das zwischen Settsu (Ōsaka) und Awaji buchtartig lagernde. Berge sind zahlreich im Ryō-i-ki; aber es sind nicht die Riesen Chinas. Hügel galten in jener Zeit für Alpen. Tausende, zehntausend Meilen weite Reisen kennt nur China. Die Erzählungen des Insellands aber führen über die See, über die Meerenge zum Kontinente, der noch wie eine Sage anmutet. Das Volk der Seefahrer, dessen die Gefahr die Isolation ist, zeigt sich deutlich.

Wie die Natur, so der Mensch, so das Geschichtlich-Gewordene. Man blicke auf die Bauten! Die japanischen Forscher sagen mit Recht, daß sich in den Ryō-i-ki-Berichten die Gebäude der Nara-Zeit zeigen. Man achte einmal, was da gesagt wird. Wie dürftig ist, was erscheint! Es ist, als wolle man frühmerowingische Bauten mit solchen der Ägypter und Römer vergleichen. Vor Wen's Bett stehen plötzlich zwei Dämonen und rufen ihn zum Hades-Amt. Weit ist das Feld. Eine Tscheng (Burg, Stadt) taucht auf, mit riesigen geraden Mauern; sechsstöckig erheben sich die Aufbauten. Es geht durch das erste Tor, dann kommt lange nichts, und dann komm das zweite Tor, und dann kommt wieder lange nichts und dann kommt das dritte Tor. Die Tore sind voneinander vier Meilen entfernt. So geht es durch ein viertes, fünftes, sechstes Tor. Sie sind drei Meilen voneinander entfernt. Dann taucht der riesige Palast im mächtigen Quadrat auf. Zahllos sind die Wächter, die wachthaltenden Krieger. Das ist China; das mag Tschangan [Chʼang-an] oder heute Peking noch sein. Das Ryō-i-ki kennt solche Eindrücke nicht.

Danach achte man auf Staat und Amt, auf die Verwaltung und Rechtsprechung! Es genügt, noch einmal auf das oben durch Beispiele gekennzeichnete chinesische Bild zu weisen; das Ryō-i-ki spricht für sich durch Fehlendes deutlich genug. Welch umfangreiche, ausgebildete Organisation im Chinesischen! Welcher Apparat von Beamten! Es schwirrt von Unterbeamten: hundert, zweihundert sieht der Geladene auf den ersten Blick. Welche Abstufungen! Welche Register! — Die genauen Daten und Angaben, die wir weglassen müssen, würden natürlich diese Dinge noch viel stärker hervorheben.

Doch nicht nur die äußere Form ist derartig ausgebildet; auch das innere Wesen zeigt sich bedeutender geformt, gewachsen, gebildet. Wenn wir diese chinesischen Erzählungen lesen, fallen uns wie von selbst manche der alten Volksgesänge des „Buchs der Lieder“ ein; die Stimmung der großen Han-Zeit-Lieder kehrt ein. Von der Welt dieser Erzählungen ist nur ein Schritt zu Tau yüan ming, Mong hao jan und Wang we, über denen sich dann die großen unsterblichen Dufu und Litaibe erheben. Im Ryō-i-ki sind wir in einem anderen Bereiche. Recht und Amt, Verkehr und Sitte sind noch in den frühen Anfängen; die Poesie, die Kunst ist im Erwachen; Ethos und Religion sind noch jung. Manyōshū einerseits Kojiki, Nihongi, Norito andrerseits geben hier die Lebensspäre.
Eigentümlich typisch gibt so das Ryō-i-ki von der ihm eigenen Seite her das Bild der Nara-Rezeption.


Anmerkungen

1) Ebenso war Kyōkai das chin. Panjo Yenji bekannt. Zu dieser chinesischen Legendenliteratur vgl.

  • ; The Early Chinese Miracle Tale: A Preliminary Survey; JAOS, Vol. 103 (), No. 3, S. 183-200
  • ; Miraculous Retributon: A Study and Translation of Tang Lin’s Ming Pao Ji; Berkeley
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