日本霊異記
„Legenden aus der Frühzeit des japanischen Buddhismus“ – übersetzt von Hermann Bohner

日本霊異記 Nihon Ryōiki

Ort:

Von Mensch und Tier getretener Schädel, gerettet und aufgelesen, tut Geisteszeichen kund und bringt gegenwärtige Vergeltung

人畜所履髑髏救收示靈表而現報緣

Japanisch

Gunsho ruijū
Text 
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高麗學生-道登者,元興寺沙門也.出自山背-惠滿之家.而往大化二年丙午,營宇治椅,往來之時,髑髏在于奈良山溪,為人畜所履.法師悲之,令從者-萬侶置之於木上.迄于同年十二月晦夕,人來寺門,白:「欲遇道登大德之從者萬侶者.」萬侶出而遇之.其人語之曰:「蒙大德之慈,頃得平安之慶.然非今夜,無由報恩.」輙將萬侶至于其家,從閉屋而入於屋裏.多設飲食.其中以己分之饌,與萬侶共食.其於後夜,有男聲.告萬侶曰:「殺吾之兄欲來,故早去.」萬侶怪而問之,答:「昔吾與兄共行交易.吾得銀四十斤許,時兄妒忌,殺吾取銀.自爾以還,多年歲,往來人畜,皆踏我頭.大德垂慈,令見離苦.故,不忘汝恩,今宵報耳.」時其母與長子,為拜諸靈,入其屋內,見萬侶而驚畏,問其所以到來.萬侶於是說前事.母詈長子曰:「呼矣我愛子,為汝所殺,非他賊也!」使禮萬侶,更設飲食.萬侶還來,以狀曰師.夫死靈白骨,尚猶如此.何況生人,豈忘恩哉?
Ryō-Wiki

Der Scholar Dōtō (道登*) von Kōrai (高魔) war Samon des Gwangō-ji1. Als er einst, vom Hause des Ema (惠蒲2) in Yamashiro (山背) seinen Ausgang nehmend, im 2. Jahre Taikwa, Feuer-oben-Roß (646), die Ujibrücke (宇治橋) zu bauen unternahm, war da ein Schädel in dem Ried der Naraberge, der wurde von Mensch und Tier beim Hin- und Hergehen getreten. Der Gesetzesmeister sah das, empfand Erbarmen und hieß den Gefolgsmann Maro, ihn auf einen Baum legen.


Schädel (髑髏) in der „Hölle hungriger Geister“ harrend.

Im gleichen Jahre am Abend des letzten Tages des zweiten Monats4 [New Year's Eve] kam ein Mann vor das Tor des Tempels und sagte: „Des Daitoku Dōtō Gefolgsmann, namens Maro, möchte ich gerne treffen.“ Maro kam heraus, ihn zu treffen. Der Mann sprach: „Durch des Daitoku erbarmend Sorgen ward mir das Glück immerwährenden Friedens zu teil. Wenn es nicht diese Nacht sein darf, so bleibt mir kein Weg, die Wohltat zu vergelten;“ und geleitete alsbald Maro, und sie kamen in jenes Haus. Durch das Tor-Haus gingen sie in das Innere des Hauses. Viel Trank und Speise setzte er vor und dazwischen nahm er die für ihn selbst bestimmte Speise und reichte sie Maro [als Zeichen besonderer Ehre], und sie aßen zusammen. Hernach aber in derselbigen Nacht geschah eines Mannes Stimme. Da sagte er zu Maro: „Mein älterer Bruder, der mich getötet hat, ist auf dem Weg zu kommen. Ich muß rasch gehen.“ Maro befremdete es, und er fragte. „Einst,“ war die Antwort, „war ich zusammen mit dem älteren Bruder auf dem Handel. Ich hatte etwa 40 Pfund (5) Silbers empfangen. Zu der Zeit ward der Bruder neidisch, tötete mich und nahm das Silber. Seit der Zeit ward mein Haupt viele Jahre hindurch von Mensch und Tier getreten. Der Daitoku hat sein Erbarmen niederströmen lassen; so bin ich heute von den Qualen frei. Drum, Eurer Wohltat eingedenk, wollte ich mich erkenntlich zeigen. Das ist es. Zu der Zeit kam die Mutter mit dem ältesten Sohne in das Haus, den Geist6 (諸霊) zu verehren. Da sie Maro erblickte, erschrak sie und fürchtete sich und fragte, wieso denn er gekommen sei. Maro erzählte ihr eingehend, was vordem erzählt worden. Da schalt die Mutter den Ältesten und sprach: „Ah! Deinethalben ist mein geliebter Sohn zu Tode gekommen! Nicht sonst ein Räuber hat ihn getötet!“ und sie erwies Maro Ehre und Dank und setzte ihm aufs neue Speise und Trank vor. Maro kehrte zurück und berichtete dem Meister den Sachverhalt. – Ja, sogar eines abgeschiedenen Geistes weißes Gebein erzeigt sich so! Wiewohl mehr muß ein lebender Mensch der Wohltaten eingedenk sich zeigen!


Historisierender Nachbau der Uji-Brücke (宇治橋) aus Holz und Beton

Der erwähnte Dōtō gilt als (ursprünglicher) Erbauer der Uji-Brücke. Diese zählt zu den drei ältesten Brücken Japans. Auf der Südseite der Brücke findet sich der Hashi-dera (橋寺), in dem eine Inschrift aus der Asuka-Zeit (646) aufbewahrt wird, die den Bau beschreibt. Der untere Teil dieses Monuments wurde 1791 wiederentdeckt und 1793 der Rest rekonstruiert.
Die letzten zehn Kapitel der Genji Monogatari handeln in der Gegend von Uji. Der gegen die Taira rebellierende Prinz Mochihito wurde mit seiner kleinen Truppe 1181 bei der Schlacht um die Brücke geschlagen. Photos des Schreins
In der Biographie des Hossō-Gründers Dōshō im Z (700/03) wird diesem die Konstruktion der Brücke zugeschrieben. Dies ist zeitlich nicht möglich, vorausgesetzt, daß die Inschrift korrekt datiert ist. Denkbar wäre, wie Nakai Shinkō [1988] angemerkt hat, daß er an einem Neubau beteiligt war, da die Lebensdauer einer Brücke damals nur 30-40 Jahre betragen hat. Andrerseits könnte einfach eine Namensverwechslung oder Abschreibfehler vorliegen (im Z).

Paralellen

  1. Fusō ryakki (IV, Kōtoku) mit Anm. „im NR.“
  2. Konjaku monogatarishū XIX, 31. wo die Geschichte in einigem deutlicher erzählt wird: a; Ema wird als Mensch aus der Uji-Gegend bezeichnet, bei dem Dōtō gewohnt hat. b; Der Mord geschah in den Nara-Bergen. c; Der Mönch gab bei der Mutter vor, ein Räuber habe den jüngeren Bruder getötet. d; Das Verschwinden des Geistes wird mitgeteilt. e; Die Mutter sagt hernach: 'Das habe ich bisher nicht gewußt.' – Im übrigen werden dieselben Zeichen verwandt.
    Eine etwas abgeänderte Version findet sich im K (III,27).