日本霊異記
„Legenden aus der Frühzeit des japanischen Buddhismus“ – übersetzt von Hermann Bohner

日本霊異記 Nihon Ryōiki

Ort:

Jemand entfernt Bambussprossen aus den Augenhöhlen eines Schädels, betet zu ihm und Geisteszeichen tun sich kund

髑髏目穴笋揭脫以祈之示靈表緣

Japanisch

Gunsho ruijū
Maeda-Mss.
3. Band; 育德財團, Meguro-machi (Tōkyō-fu) Vlg.: Ikutoku Zaidan, 1931.

Text 
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白壁天皇世,寶龜九年戊午冬十二月下旬,備後國葦田郡大山里人,品知牧人,為買正月物,向同國深津郡於深津市而往.中路日晚.次葦田郡於葦田竹原.所宿之處,有呻音言:「痛目矣.」牧人聞之,竟夜不寢而踞.明日見之,有一髑髏.笋生目穴而所串之.揭竹解免,自所食餉以饗之言:「吾令得福.」到市買物,每買如意.疑彼髑髏,因祈報恩矣.從市還來,次同竹原.時彼髑髏,乃現生形而語之言:「吾者葦田郡屋穴國鄉穴君弟公也.賊伯父-秋丸所殺是也.風吹每,動我目甚痛.蒙仁者慈,痛苦既除.今飽得慶.不忘其恩.不勝幸心.欲酬仁者恩.我父母家,有于屋穴國里.今月晦夕,臻於吾家.非彼宵者,無由報恩.」牧人聞之,增怪不告他人.期之晦暮,至於彼家.靈操牧人之手,控入屋內,讓所具饌,以饗共食,所殘皆裹,并授財物.良久,彼靈倏忽不現.父母為拜諸靈,入其屋裏,見牧人而驚,問於入來之緣.牧人於是,如先具述.因捉秋丸,問殺所由:「如汝先言,汝與吾子俱向於市.時汝負他物,未償其債.遇於中路而徵乞之,弟公捨而來之:『若來不也?』我答汝言:『未來不視.』今所聞,何違于先語?」賊盜-秋丸,惣意悸然,不得隱事.乃答之言:「去年十二月下旬,為買正月元日物,我與弟公率往于市.所持之物,馬布綿鹽.路中日晚,宿于竹原,竊殺弟公,而摕彼物,到于深津市,馬賣讚岐國人,自餘物等,今出用之.」父母聞之:「嗟呼我愛子,為汝所殺.非他賊.」同父母之弟如,葦蘆之隟,故匿內其過失.擯出不見之.外便禮牧,人更饗飲食.牧人還來,以狀轉語.夫日曝髑髏,尚故如是.施食報福,與恩報恩.何況,現人豈忘恩乎.如涅槃經說:「受恩報恩.」者,其斯謂之矣.
Ryō-Wiki

Kannon-Tempel von Abumon, Bingo (Ukiyo-e von Andō Hiroshige, ca. 1830)

Während der Regierung der Himmlischen Majestät Shirakabe im 9. Jahre Schatz-Schildkröte, Erde-oben-Roß, im Winter, in der letzten Dekade des 12. Monats (ab 1.11.779) ging Homuchi no Makihito, ein Mann des Landes Bingo, Gau Schilffeld, Ort Großberg (備後國葦田郡大山里), um Sachen für den ersten Monat zu kaufen, zu des gleichen Landes Markt Tieffurt (深津市), Gau Tieffurt. Unterwegs sank die Sonne, und er übernachtete in des Schilffeld-Gaues Schilffelds Bambusfeld1.

An dem Orte, da er übernachtete, war ein Stöhnen, das rief: „O, wie schmerzen die Augen!“ Makihito (牧人 [Hirte]) hörte es und schlief letztlich die Nacht nicht, sondern saß auf. Da er andern Tags nachsah, war da ein Schädel. Aus den Augenhöhlen wuchsen Bambussprossen und durchdrangen sie. Er nahm sie heraus und löste sie, nahm die Zehrung, die er selbst zu essen gedachte, speiste jenen und sprach: „Gib mir Segen!“ Da er nun zum Markte kam und einkaufte, geriet es ihm bei jedem Kauf nach Wunsch. Er fragte sich: „Vergilt mir jener Schädel die Wohltat, wie ich gebetet habe?“ – Vom Markt zurückkehrend übernachtete er im gleichen Bambusfeld.
Da erschien jener Schädel verwandelt in lebendiger Gestalt und sprach: „Ich bin der jüngere Bruder-Herr (弟公 [おとぎみ] ) des Höhlenherrn Ort, Haushöhlenland, Gau Schilffeld2. Ich bin von dem Oheim (伯父) Akimaro (秋丸) getötet worden.
Wenn ein Wind wehte und Bewegung schuf, schmerzten meine Augen furchtbar; Eurer Güte groß Erbarmen empfangend, ward ich von der Schmerzenspein befreit, ward mit Eurer Zehrung jetzt gespeist. Diese Wohltat kann ich nicht vergessen. Glücksgefühl übermannt mich, und ich möchte dem Gütevollen die Wohltat vergelten. Meines Vaters und meiner Mutter Haus ist im Orte Haushöhlen-Land. Kommt jetzt am Abend des letzten dieses Monats3 in mein Haus! Kommt Ihr jene Nacht nicht, so habe ich keinen Weg, die Wohltat zu vergelten.“ Makihito hörte, es und fand es sehr seltsam, sagte keinem andern Menschen davon, wartete, bis daß es dunkel ward am letzten, und ging in jenes Haus. Der Geist ergriff Makihito's Hand und zog ihn in das Innere des Hauses, ließ ihn an völlig bereitetem Mahle Platz nehmen, speiste ihn, und sie aßen zusammen. Was übrig blieb, wickelte er ihm alles ein und gab es ihm zugleich mit Kostbarkeiten (財物). Nach einiger Zeit verschwand der Geist mit einem Male.


„Lügen haben kurze Beine“ (Goebbels in Athen 1936)

Vater und Mutter kamen in dieses Haus, den Geistern Verehrung zu erweisen. Als sie Makihito sahen, waren sie verwundert und fragten ihn, wieso er hereingekommen. Makihito berichtete ausführlich, wie hier vordem erzählt. Daraufhin ergriffen sie Akimaro und fragten ihn nach dem Wie und Warum des Mordes. „Wie du vordem gesagt hast, gingest du mit unserem Sohne auf den Markt. Zu der Zeit schuldetest () du andern etwas und hattest diese Schuld nicht bezahlt4. Unterwegs begegneten sie dir und es ward von dir gefordert. Du verließest den Bruder (弟公), kamst und fragtest: Ist er gekommen oder nicht? Ich antwortete dir und sagte: Er ist noch nicht gekommen. Er ward noch nicht gesehen. Wieso stimmt, was wir jetzt gehört haben, nicht mit dem Vorhergesagten überein?“ Da konnte der Räuber Akimaro, grausamschmerzvollen Sinnes, die Sache nicht verbergen. Und er antwortete und sprach: „Vergangenes Jahr in der letzten Dekade des letzten Monats ging ich, um für den ersten Tag des ersten Monats einzukaufen, meinen jüngeren Bruder-Herr mit mir nehmend, zum Markt. Was mitgenommen ward, waren Pferde, Leinwand, Florettseide (綿 [わた] ), Salz. Unterwegs sank die Sonne; wir übernachteten in dem Bambusfeld, ich tötete heimlich den Bruder-Herr (弟公) und nahm seine Sachen. Zum Markt von Tieffurt (Fukatsu) gekommen, verkaufte ich die Pferde an einen Mann aus dem Sanuki-Land (讃岐國). Die andern Sachen gebe ich jetzt heraus, daß wir sie brauchen.5

Vater und Mutter hörten es und riefen: „Wehe! Unser geliebter Sohn! Du hast ihn gemordet; nicht ein anderer Räuber tat es! Der jüngere Bruder von gleichen Eltern ist wie ein Gebinde von Schilf!6 Daher verbargen sie sein Vergehen, trieben (ihn fort) und ließen es nicht offenbar werden, sagten überdies Makihito Dank und bewirteten ihn mit Speis und Trank. Makihito kehrte zurück und erzählte, was geschehen war.

Der in der Sonne bleichende Schädel war sogar so: spendete man Speise, so vergalt er mit Segen; gab man Wohltat, so vergalt er die Wohltat. Wie sollte ein lebendiger Mensch Wohltaten vergessen können! Wie das Nirwana-Sutra7 sagt: „Wohltaten empfangend, Wohltat vergelten.“ Dies ist mit jenem gesagt.