„Legenden aus der Frühzeit des japanischen Buddhismus“ – übersetzt von Hermann Bohner

日本霊異記 Nihon Ryōiki

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I. Vorangehende Werke

Im folgenden Abschnitt, in dem Bohner aus chinesischen Quellen zitiert, wird nur sein einleitender Text gegeben, da die zugrundeliegenden chinesischen Quellen nicht vorlagen. (Fehlende Stellen sind mit „[…]“ gekennzeichnet.)

Kyōkai selbst nennt im Beginn seines Werkes, in der Vorrede deutlich chinesische Werke, die ihn zur Abfassung des Ryō-i-ki drängen: das Mingbaudji (冥報記; jp.: Mei-hō-ki „Berichte über Vergeltung vom Dunkel-Unsichtbaren her.“ A.M:: ca. 653–5; W.-G.: Ming Pao Ji, Pinyin: Míngbào jì) (Abkürzung im folgenden: MA) und ein Banjodjiändji (般若撿記 jap. Hannya-kenki, „Weisheits-Erweis-Bericht.") Was das erstere betrifft, so erzählt uns das Fayüan-dschulin (法苑珠林, „Lotusblüten-Überlieferungsbericht.“) (Abk: FY), Tanglin (Táng lín, 唐臨) habe es in zwei Bänden während der Periode Yunghui (650-655, 永徽) verfaßt. Die Alten Tangbüchers Liä-tschuan 85 (舊唐書 卷八十五列傳第三十五 唐臨張文瓘徐有功: 唐臨,京兆長安人,周內史瑾孫也。其先自北海徙關中。伯父令則,開皇末為左庶子,坐諂事太子勇誅死。臨少與兄皎俱有令名。武德初,隱太子總兵東征,臨詣軍獻平王世充之策,太子引直典書坊,尋授右衛率府鎧曹參軍。宮殿廢,出為萬泉丞。縣有輕囚十數人,會春暮時雨,臨白令請出之,令不許。臨曰:“明公若有所疑,臨請自當其罪。”令因請假,臨召囚悉令歸家耕種,與之約,令歸係所。囚等皆感恩貸,至時畢集詣獄,臨因是知名。
再遷侍御史,奉使嶺外,按交州刺史李道彥等申叩冤係三千餘人。累轉黃門侍郎,加銀青光祿大夫。儉薄寡欲,不治第宅,服用簡素,寬於待物。嚐欲吊喪,令家童自歸家取白衫,家僮誤將餘衣,懼未敢進。臨察知之,使召謂曰:“今日氣逆,不宜哀泣,向取白衫,且止之也。”又嚐令人煮藥,失製。潛知其故,謂曰:“陰暗不宜服藥,宜即棄之。”竟不揚言其過,其寬恕如此。
http://chinesenotes.com/jiutangshu/jiutangshu089.html )
und die Neuen Tangbücher Liä-tschuan 113 (新唐書 卷一百一十三 列傳第三十八 唐張徐: 唐臨,字本德,京兆長安人。周內史瑾之孫。其先自北海內徙。武德初,隱太子討王世充,臨以策進說,太子引直典書坊,授右衛率府鎧曹參軍。太子廢,出為萬泉丞。有輕囚久系,方春,農事興,臨說令可且出囚,使就畎畝。不許。臨曰:「有所疑,丞執其罪。」令移疾,臨悉縱歸,與之約,囚如期還。 http://chinesenotes.com/xintangshu/xintangshu113.html ) geben uns ein kurzes Lebensbild des Verfassers, der aus Tschang-an war, 650 Zensor wurde und 60jährig 659 starb. „Er verfaßte das Mingbaudji in 2 Bänden, welches in der Zeit sehr im Umlauf war“ (Alte Tangbücher). Nun ist in Japan in dem Tempel Kōsanji (高山寺 Kōzan-ji, 35°03'37,9" N, 135°40'43,8". Die ehem. Provinz Yamashiro gehört heute zum südlichen Teil der Präfektur Kyōto.) (Yamashiro) ein altes Ming-baudji in drei Bänden erhalten. Eingehender Untersuchung und ausführlicher Argumentation zufolge, die ich hier übergehen muß, haben wir in dem so erhaltenen Werke, als dessen Verfasser Tanglin bezeichnet wird, und das als solches in die große buddhistische Kanon-Ausgabe Taishō Daizōkyō (Bd. 51, T. 2122) und ebenso in Dai-nihon-zokuzōkyō (B, 23, 1) aufgenommen ist, zwar im wesentlichen Tanglin's chinesisches Werk, jedoch nicht intakt, nicht vollständig. In dem hernach zu besprechenden. Kongō-hannyagyō -shuken-ki (金剛波若經集驗記; Dainihon-zokuzōkyō, Bd. 22, 1) (Abk. KA) finden wir immerfort eine von Lang-yü-ling (Láng Yú-lìng, 郎餘令, ?-693) verfaßte Nachlese, Ming-bau-schï-i (Abk. MB, vgl) zitiert; dem Fayüandschulin zufolge bestand dies letztere Werk aus zwei Bänden und war in der Periode Lungschuo (Lóngshuò, 龍朔) (661-663), also unmittelbar nach dem Ming-bau-dji verfaßt. Bisher ist diese „Nachlese" noch nicht wieder aufgefunden. Es sind aber die Erzählungen beider Werke in spätere Bücher übergegangen, so in das riesige Fayüandschulin, ferner in das Sanbau-ganying-lu (Sambō-kannōroku, 三宝感応錄) (Abk. SR) und das Taiping-guangdji (Taihei-k(w)ōki, 太平廣記), (Abk. KW) und ausschließlich aus diesen Büchern hat Sasaki Kentoku (佐々木憲徳, 1886-1972) eine Zusammenstellung des erhaltenen Materials in 7 Bänden verfaßt, Meihōki-shuki (L.-O:: chin.: Mingbaudji-djidji; aufgenommen in Dainihonzokuzōkyō Bd. 23, 1. Reprint der Ausgabe des 冥報記 hrsg. von Sasaki, Taipeh 204 淨土宗文教基金會) (Abk. MC).

Gehen wir nun zu dem andern von Kyōkai angegebenen Werke, so verbessert Ekisai zunächst das Zeichen djiän (撿 zu 驗, ken) in das gleichlautende „Erweiskraft" und sagt dann: „Der Shaka Chō-on (潮音) des Westlehre-Tempels (Saikyōji) sagt: Das Sanbau-ganyinglu zitiert das Banjohsindjing-ming-djiändsandji. Vielleicht ist es dies.” Was dies für ein Buch sein soll, ist völlig unklar, sagt der sehr unterrichtete Prof. Hashigawa. (Hashikawa Tadashi 橋川正, 1894-1931; in Ryōiki no kenkyū 藝文 [geibun, ZDB-ID: 1007914-2], 1922, 3. (Religions-)Historiker, mit 24 Jahren Professor an der Ōtani-Universität. Aus einem Tempel der Jōdō-Shinshū stammend, auch darin ordiniert.) Die Stelle, sagt er, zeigt, daß selbst der ungeheuer belesene Ekisai hier keinen Rat wußte. Versuchen wir einmal, fährt Hashigawa fort, das Möglichste, die Sache zu klären, so ist allem nach zunächst zu erwarten, daß es eine Schrift ist, welche Machterweisungserfahrungen des Hannya-Sutras, bzw. der Hannya („Weisheit”) selbst zusammenstellt. Wahrscheinlich ist es das von Meng-hsiän-dschung verfaßte Djing-gang-banjo-djing-dji-djiän-djiu, verfaßt Kaiyüan 6. Jahr 4. Monat 8. Tag (718). Es behandelt in drei Bänden die Geisteserweisungen des Hannya-Sutra und dies nach 6 Gesichtspunkten: 1. Rettung und Bewahrung, 2. Lebensverlängerung bzw. Erhaltung (Bd. I); 3. Sündentilgung, 4. Gottkraft (Bd. II), 5. Verdienste, 6. wahrhafte Erhörung (Bd. III). Dieses Werk erzählt zunächst Ereignisse, die es direkt von andern gehört, und nennt auch genau die Zeugen; andrerseits nimmt es in sehr großer Zahl die Erzählungen des Ming-bau-schï-i (s. o.) und daneben die eines von Hsiau-yü verfaßten Djingang-Banjo-cljing-Lingdjiän-dji (Kongō-hannya-gyō-ryōken-ki, 金剛般若經靈験記. [般若 skt.: Prajña Buddh.-Pinyin: bōrě statt dem standardmäßigen bānruò. ]) (Abk.: KB) auf, das aber offenbar sonst nicht erhalten ist. Die Alten Tangbücher Liä-tschuan 13, die Neuen Tangbücher Liä-tschuan 26 berichten uns über Hsiau-yü, der von dem Kaiser Wu von Liang abstammte, daß er ein äußerst eifriger Buddhist war — auch anderwärts wird von ihm viel erzählt — erzählen aber nichts von seiner Abfassung des ebengenannten Werkes, was jedoch von andrer Seite her als gesichert erscheint. Nach den Neuen Tangbüchern ist er 74jährig Dschen-guan (Zhēnguàn 貞觀 oder 正觀 Zhèngguān.) 21. Jahr (647) gestorben. Möglicherweise hatte Kyōkai dies letztere Werk als Vorlage. In derselben Weise wie MA zitiert er (worauf ich hinweisen möchte,) wahrscheinlichst KA in II 24. Mit völliger Sicherheit können wir, nach Hashigawa, das zweite von Kyōkai genannte Werk nicht bestimmen. Gleichwohl ist es ein ziemlich großer Bereich von Legenden, die uns mit den oben angeführten Werken als Quellen des Ryō-i-ki an die Hand gegeben werden.

Ist es gestattet und angängig — unter dieser Prämisse steht die folgende Ausführung— aus dem Gegebenen Schlüsse zu ziehen, zu vergleichen und einem Gesamteindruck Wort zu verleihen, so zeigt das Ryō-i-ki in eigentümlicher Weise das Bild der Rezeption was uns erstens verwundert, ist, daß so wenig regelrecht Wort für Wort, Zug um Zug, abgeschrieben ist. Es wäre so leicht gewesen und es ist so üblich im Osten, Ort und Person und Datum zu ändern und im übrigen die Zeichen beizubehalten. Wie uns die Alten Tangbücher wissen lassen, bzw. wie wir auch von anderwärts erfahren, waren diese kurz vor der Nara Zeit bzw. in ihrem ersten Anfang entstandenen Bücher eine Zeit lang sehr in Mode und weithin gekannt und verbreitet, kamen im Zusammenhange damit auch nach Japan und wurden hier viel gelesen. Vielleicht darf mau sagen, daß allein schon das Streben nach Eigenständigkeit daran hinderte abzuschreiben, und daß die wenigen gegenteiligen Geschichten (vgl. die Anmerkungen) auch anders erklärt werden mögen: Verschüttung im Bergwerk kommt überall vor (III 13: MA I 8); die Erzählung (II 10: MA III 8), des auf dem von Mauern und Toren umringten Aschenglut-Höllenfelde Qual Leidenden, dem sich die Tore immer schließen, wenn er sich ihnen naht, kommt aus psychologischen Quellen, die auch anderwärts dieses Bild entstehen lassen. Auch die Unterschiede der Erzählungen sind nicht zu übersehen. Ferner wird anderwärts das Mingbaudji als bekannt vorausgesetzt und in solcher Weise zitiert (MA 14 in III 10).

Was zweitens auffällt, ist die außerordentliche Ähnlichkeit, ja Identität. Dieser Eindruck ist besonders stark für den, der Tage lang in den Legenden liest. Der Ton ist der gleiche; das Zugrundeliegende ist dasselbe. Stimmen doch selbst im gleichen Werke die berichteten Einzelheiten nicht miteinander überein; in den chinesischen Werken ist dies noch weit mehr als in den japanischen der Fall, und weder den Verfasser noch den Leser bscheint das zu kümmern. Man berichtet ja auch nicht von dieser Weit des Offenbaren (jap. ken ) die einheitlich-rational, sozusagen von einer Ecke her erleuchtet ist, sondern von jener Welt des Geheimen (jap. mitsu ), des Ganz-anders-gearteten (jap. i ) über die nie etwas Ganzes, Völliges sich aussagen läßt, von der vielmehr nur Erlebnisse, Erweisungen (ken) berichtet werden konnen. Da sie von jener Welt herkommen, müssen sie trotz aller Diskrepanzen doch irgendwie zusammenstimmen. Es ist, wie wenn jemand ein Großfeuer von jener Seite her sieht und der andre sieht es von dieser an; die Einzelheiten sind verschieden, ja entgegengesetzt; die Sache ist dieselbe. Ein Blick in diese chinesische Legendenwelt mag diese Verwandtschaft der Berichte deutlich werden lassen. Wir müssen freilich gerade auf Wiedergabe der Einzelheiten (z. B. in den Unterweltsberichten) verzichten. Von der Verwandtschaft der Form dieser Berichte, ihrer genauen Angabe von Jahr, Monat, Tag, Stunde, von Provinz, Bezirk, Ort, von Personen des Erlebnisses und von Zeugen war schon oben die Rede. Auch Derartiges, für die Erzählung Wesentliches, müssen wir hier, der Kürze wegen, weglassen.

Blicken wir einmal in diese chinesischen Legenden1 hinein! (Merke: Fa-hoa-tschuan-dji „Lotusblüten-Überlieferungsbericht“; Abk.: FH)

Im Vordergrunde alles Erlebens steht das Erlebnis des Ingwa (因課; der „Ursache und Wirkung,“ des „wie die Saat, so die Ernte“); es ist das Erlebnis, daß jede Tat eine Wirkung hat, und daß diese Wirkung mit der Tat korrespondiert. Es ist im Grunde das Erlebnis der Kausalität, welches mit so ungeheurer Macht über diese Seelen bricht, aber nicht (wenigstens nicht ausschließlich) das der theoretischen Kausalität, sondern jener immer in Antinomie zu dieser stehenden „Kausalität“ des Praktischen, des Handelns (Kant: Der Postulate), ohne die überhaupt kein Handeln vor sich geht. In volstümlich-eindrucksvollen Bildern stellen die Legenden dies „wie das In, so das Kwa“ vor Augen. Hiebei ist es nur natürlich, daß bei dem bösen In Vernachlässigung des Buddhistisch-Gebotenen besonders hervortritt. Die Vergeltung erfolgt oft schon im gegenwärtigen Leben (gembō).

  • MC III 2 (FY 73, KW 132) Einer schnürt der Kuh des Nachbars, die Felder verstört, mit einem Strick die Zunge ab; er bekommt drei Kinder, die alle stumm sind.
  • MA III 114 (FY 91; KW 439 aus FY) Einer nimmt ein Schaf; da es schreit, zerrt er ihm die Zunge heraus, bitt und verzehrt sie. Er verliert die eigne Zunge unter Schmerzen.
  • MC III 8 (FY 76, KW 386) Einer tut Böses an Bienen, erleidet Rache der Bienen.
  • MC II 7 (FY 64, KW 132) Jagdliebhaber tötet Hunde zwecks Vogelfutter. Fünf Hunde erscheinen und verlangen Leben um Leben. Der Richter schlägt einen Vergleich vor: Schuld zu bekennen (chin. L.-O. hsiä dsui) „Segen nachzusenden" (Messe zu lesen). Vier Hunde stimmen bei. Der fünfte: „Ich bin unschuldig getötet worden; noch lebend hat er mir Stücke Fleisches vom Leib gerissen.“ Plötzlich erscheint jemand, der diesen Hund beschwichtigt und ihn zur Einwilligung bringt.
  • MA III 1 (FY 80, Kw 132) Rache der Tiere: Jäger, der unzählige getötet, findet sein blühend Kind erstickt in den Dornen der Wildnis.
  • MA III 6. Jäger jagt so gerne Wildgänse; Sohn, der ihm geboren wird, hat am Leibe Wildgansart (Schnabel).
  • MA III 7 (FY SO, Kw 131) Vogeljäger erkrankt; sieht 1000 Vögel ohne Kopf um sich schwirren und kreischen „Gib mir meinen Kopf wieder!“ Er „sendet Segen nach“ (Messe lesend) und entrinnt dem Tod.
  • MA HI 17 (FY 92, Kw 120) Ein Mann liebt ein Weib, doch bald er-stirbt die Liebe in ihm ; er erdrosselt das Weib, wird krank und leidet schrecklichen Tod.
  • MC III 6 (FY 70, KW 121) Ein Mann vermutet in eines reisenden Priesters Sutrenbehältnis Tücher und Schätze, erschlägt jenen, stirbt rasch in Qualen dahin.
  • MC V 2 (FY 14) Einer erzwingt durch gefälschtes Siegel rbergabe einer kostbaren Statue und empfängt jähen Todes Lohn.
  • MC VI, 10 (FY 73) Jemand, dem der König Schafe zur Freilassung anvertraut hat, schlachtet sie heimlich, brät sie, treibt Handel damit; die Erde bebt; der erzürnte Himmel erschlägt den Frevler auf offenem Platze.
  • MA 20 (FY 91; KW 126) Sterbeszene des kranken Mörders er sieht jemanden eine Melone ihm zur Erquickung reichen; doch siehe, es ist das abgeschlagene Haupt eines Toten, das Rache fordert. Unter lautem Schreien verendet er. Wie im Ryō-i-ki, so hier, sind dem Abendländer die Tierwer-dungen besonders auffällig ; doch sind die jeweiligen Einzelheiten anders als im Ryō-i-ki.
  • MA III 15; (FY 71; KW, 436 aus FY) Eselin, geschlagen, beginnt zu spre-chen; man erkennt die Stimme der Mutter ; weil sie einst, ohne zu fragen, Reis für sich genommen, leistet sie nun dienend Entgelt.
  • MC VII, 1; (FY 52) Ein Mann reitet im Winterwetter aus, ein Fahlen mit sich führend. Der Schnee wird tief, der Weg mühsam; das Pferd beginnt zu sprechen. Es ist die Mutter; wegen Verfehlung gegen den Vater, ist sie zur Stute, die Tochter zum Fohlen geworden.
  • MC VII, 5; (FY 94; KW 103) Die Mutter meldet der Tochter ; ich bin, weil ich, Wein verkaufend, mit zweierlei Maßen gemessen, zur Kuh geworden.
  • MC VI, 4; (FY 89) Streitsüchtiger wird zum Stier.
  • MA III, 11; (FY 71; KW 434 aus FY) Einer bezahlt nicht die Preise, wenn die Leute Dinge für ihn gefertigt haben, sondern jagt sie mit der Peitsche fort. „Frag, wenn ich tot bin Wenn ich dann was schuldig hin, dien ich's als Ochs ab.“ Er stirbt und tut als Ochs harte Fron.
  • MC VI, 1; (FY 57) Luboda leiht Geld; er wird ‒ das ist ihm felsensicher ‒ das Geld nächstens zurückerstatten und so verschwört er sich vor dem Buddhabilde: wenn er das Geld nicht zurückzahle, wolle er im andern Leben zum Rinde werden. Kaum gesagt, stirbt er dahin. Ein rotes Kalb wird zu dem Gläubiger gebracht; auf der Stirn an den Haaren gekennzeichnet steht „Luboda.“ Die Verwandten wollen ihn für teures Geld losschlagen; der Gläubiger willigt nicht ein.
  • MA III, 13; (FY 92; KW 134) Mädchen, das von der Eltern Geld heimlich 100 Kupfer entnommen hat, um sich Puder zu kaufen, stirbt plötzlich, wird zum dunkeln Schafe mit hellen Flecken. Gäste sind geladen; das Schaf soll geschlachtet werden. Ein Gast langt früher als die andern an. Das Mädchen erscheint ihm und entdeckt sich.
  • MA III, 22; (FY 92; KW 134 aus FY) Tochter, die von den Eltern, ohne es ihnen zu sagen, etwas weggenommen hat, wird zum Schaf, das die Eltern ihrer Gäste halber kaufen wollen u.s.f.
  • MC VI, 5; (FY 52) Eine Hündin, geschlagen, weil sie Fleisch genom-men, beginnt zu sprechen. Es zeigt sich: sie ist nahes Verwandte. Man baut ihr eine Sonderhütte.
  • MC III, 1; (FY 57) Mutter wird, des Ingwa wegen, zum Mutterschwein. Ein Priester rettet sie vor der Schlachtung.
  • MC IV, 7; (FY 64) Halbgeschlachtetes Schwein springt plötzlich auf; Seltsames zeigt sich; man baut ihm eine Sonderhütte.
  • MC II, 1; (FY 74) Einer von vier Brüdern stiehlt heimlich der Mutter Geld, schweigt auf der Mutter Fragen, auch als diese die andern Brüder mit der Peitsche schlägt; wird zum Ferkel. Bei dem guten In, bzw. dem guten Kwa, tritt das Buddhistisch-Heilige besonders hervor. Es errettet und hilft, befreit und erlöst über alles menschliche Denken hinaus es schafft Kausalreihen, wo irdisch gesprochen keine sind.
  • KA I, 6. Jemand reist in einsamer, unsicherer Gegend; Räuber kommen; er scheint eine sichere Beute der Räuber, er vertraut dem Heiligen; eine unsichtbare Stimme leitet die Räuber weiter und rettet die Reisenden.
  • KAI, 8. Raubtiere werden zu Lämmern durch das heilige Wort.
  • KA 1, 13. Irrlichter an unheimlichen Gräbern bringen nicht Schaden.
  • KA II, 6; MC II, 6. Schauerliche Vögel entweichen vor dem heiligen Worte.
  • MC V, 11, aus MB; KA III, 5. Wesen, gebannt in tierischen Leib (kleiner Schuld halber, zwei Täublein); werden durch Hören und Aufnehmen des heiligen Wortes (Hokke-S.; Diamant-Weisheitssutra) zu neuem Menschendasein erlöst.
  • MC II, 3 (FY 18) Durch das hl. Wort des überirdischen Wissens (DWS, Kongo-hannya-kyō) lösen sich Fesseln.
  • MA II, 13 (FY 36; FH 6; KW 112 aus FH) Durch das Fumon-bon des Lotosblüten-Sutra wird der in strengstem Gewahrsam Gehaltene, in Ketten Eingeschmiedete Dung-hsiung frei.
  • KA I, 23 (KB) Todkranker, der sich schon Genosse des Todes glaubt, findet Rettung und lebt bis ins hohe Alter von 90 Jahren.
  • KA I, 30. Wo der berühmteste Arzt keine Hilfe mehr kennt, und keine Arznei mehr rettet, da kommt aus dem Heiligen die Rettung. (vgl. KA I, 32).

Das ganze zweite Buch des ersten Bandes des Kongō-hannya-shūkenki [金剛般若經集驗記] ist ein einziger Lobpreis auf die Kraft des heiligen Wortes zur Wendung von Krankheit und langen Erhaltung des Lebens (vgl. bes. noch I 31, 21) – wobei jedoch, anders als im Ryō-i-ki, von Blinden und Tauben kaum die Rede ist.

  • KA I, 4: Selbst das Mädchen, das die Verwandten seiner epidemischen Krankheit wegen halber ins Wasser werfen wollen, findet doch noch, auf unbegreifliche Weise, Schutz und Errettung.
  • MA I, 1: Die Unfruchtbare wird schwanger; Kwannon, der sie ganz vertraut, schenkt ihr einen Sohn, den später berühmten Mönche Hsin-hsing.

In der Verzweiflung des Schiffbruchs rettet das Heilige.

  • MA I, 15; (FY, 70; KW, 162 aus FY) Wen-ben, (文本) dessen ganze Seele auf das Kwannon-Sutra (das Fumon-bon) gestellt ist, und der zumeist auf dem Wu-Strome fährt, erlebt, während das Schiff zerkracht und die andern ver-sinken, wunderbare Rettung; eine Stimme ruft ihm dreimal zu: „Rufe Buddha an von ganzer Seele, so kommst du nicht um,“ und die Wellen treiben ihn glücklich ans Ufer.
  • MA II, 12, 14; (FY 26; Fh 6; KW 112 aus Fy) Das Schiff versinkt im Strom; ein Mädchen wird wunderbarerweise von den Wogen ans Land gespült; während alle umkommen, bleibt sie doch erhalten. Sie trägt ein Hokke-Sutra und dies, denkt man, ist Grund der Rettung.
  • KA I, 18. Nächtens, vor bösem Wind im Wellenchaos, wo man nicht Ost noch West kennt, stimmt man das Sutra des überirdischen Wissens an (DWS); sieh da, ein Mann, vorne am Schiff, bedroht die Wogen, peitscht sie nieder, preist das Singen, geleitet sicher ans ferne Ufer.
  • MA 6. Der Mönch Dau Ying, (道英) eifrig in Meditation, das „Üben des Herzens“ zum Ausgangspunkte nehmend, reist im Winter auf dem Gelben Flosse; die Ufer haben Eis angesetzt; überall treibt Eis. Das Schiff geht unter; alle Insassen kommen um; nur Ying bleibt unversehrt; das kalte Wasser tötet ihn nicht; das Eis schmilzt vor seinem Körper. So dringt er zum Ufer. Leute sehen ihn, eilen herbei. Voll Verwunderung und Schrecken, wollen sie ihm die nassen, eisigen Kleider vom Leibe lösen, ihn mit Decken zudecken, ihn wärmen. „Tut es nicht!“ ruft er, „ich bin in mir noch völlig warm. Fühlt nur!“ Da war sein Körper wie warme Glut; die Kälte hatte ihm nichts anhaben können. Sie fragen ihn, und er spricht zu ihnen von der Macht der Meditation.

Aus 1000 Meilen ferner Ferne, aus fremder Wüste, aus hoffnungsloser Gefangenschaft, ja Sklaverei, führt das Heilige wieder zur Heimat zurück (MC II, 2; FY 94: 3000 Meilen zum Taishan durch Taishan-[Engel-]Knaben).

  • KA 1, 28 (KB) Zehntausend Meilen Wegs entfernt, auf militärischer Expedition gegen die fernen Barbaren, von den Feinden überfallen und be-siegt, fliehend, begegnet der dem heiligen Wort innig Ergebene plötzlich fünf wundersamen Reitern, deren einer ihm zuruft: „Fürchte dich nicht!“ Rettung und Heimkehr wird geschenkt.
  • MA I, 9. Der Sohn ist fern; die alten Eltern haben schon die Hoffnung aufgegeben und lassen gerade in stattlicher geistlicher Versammlung, zu der sie über hundert Verwandte und Bekannte hergebeten, Seelenmessen lesen. Da klopft eine Mönchsgestalt an, bittet um Essen und um Stiefel; man lädt ihn ein zu bleiben, doch er lehnt ab, da er dringend zurückmüsse. Nun erscheint er dem kriegsgefangenen, in Sklaverei gefallenen Sohn, der in der Steppe die Rinder hütet. „Warum kehrst du nicht heim Vater und Mutter warten dein.“ Der Sklave Gewordene meint: „Ich wage es nicht zu hoffen.“ — „So stärke dich durch dies Essen! Dann zieh diese Stiefel an!“ Der Mönch breitet die geistliche Schärpe aus, setzt ihn darauf, nimmt sie an den vier Zipfeln und enteilt mit ihm. Siehe, plötzlich steht der Sohn wieder vor der Eltern Tür!/li>

Das Heilige verkörpert sich meist im Wort, bzw. in der Schrift. Anders als im Ryō-i-ki, treten die Statuen und Gemälde fast völlig zurück (MA II, 3; FH 5; MA II, 6; MA II).

  • MA I, 5 (FY 26; KW 91) Priester, der über 80 Mal das Nirwana-Sutra vorgetragen und darüber gepredigt, stirbt. Mitten im tiefen Winter blühen aus seinem toten Körper die Blumen auf.
  • MC III, 5 (FY 70; KW 121) Wohlgeruch strömt vom Grab des from-men Vaters, als das heilige Wort gesprochen wird.
  • MA II, 4 (F15) Vater, vom kindesliebenden. Sohn treu gepflegt, stirbt; drei Jahre lang liest der Sohn ihm zu gute das Lotosblüten-Sutra; Tiger kommen es zu hören. Wunderpflanzen, wie von Menschenhand gepflegt wachsen ums Grb. Dämon (gui).“
  • Ka III, 3 (Mb) Dharma-Meister, der in DWS lebt, verwandelt sich sterbend sichtbar zum Karni (Gott). KA II, 11. Priester predigt über die triumphale Macht des Sutra des überirdischen Wissens; keine Sünde, kein Tod, keine Hölle, kein Hemmnis, das es nicht überwände. Hirsche eilen herbei und horchen seinen Worten zu.
  • MA I, 3 (FY 95; FH 8): Der Mönch Sengtsche erbarmt sich eines Aussätzigen, versieht ihn mit Kleidern, lehrt ihn das Lotusblüten-Sutra; der Kranke jedoch kennt keine Schriftzeichen; er müht sich sehr; nächtens im Traum kommt jemand und lehrt ihn; da lernt er schnell; die Krankheit bessert sich.

[…]

Bei dem Guten In, bzw. dem guten Kwa, tritt das Buddhistisch-Heilige hervor. Es erettet und hilft, befreit und erlöst über alles menschliche Denken hinaus; es schafft Kausalreihen, wo irdisch gesprochen keine sind.

  • KA I, 6: Jemand reist in einsamer, unsichrer Gegend; Räuber kommen; er scheint eine sichere Beute der Räuber, er vertraut dem Heiligen; eine unsichtbare Stimme leitet die Räuber weiter und rettet die Reisenden.
  • KA I, 8: Raubtiere werden zu Lämmern durch das Wort.
  • KA I, 13: Irrlichter an unheimlichen Gräbern bringen nicht Schaden.
  • KA II, 6; MC II,6: Schaurige Worte entweichen vor dem heiligen Worte.
  • MC V, 11 aus MB; KA III,5: Wesen, gebannt im tierischen Leib (kleiner Schuld halber, zwei Täublein); werden durch Hören und Aufnehmen des hl. Wortes (Hokke-S.; Diamants-Weisheitssutra) zu neuem Menschendasein erlöst.
  • KA I, 9 (KB) 10, 14; MC II, 3 (FY 18): Durch das hl. Wort des überirdischen Wesens (Dws, Kongo-hannya-Kyō) lösen sich Fesseln.
  • MA II, 13 (FY 36; FH 6; MC II, 3; KW 112 aus FH): Durch das Fumon-bon des Lotosblüten-Sutra wird der in strengstem Gewahrsam Gehaltene, in Ketten Eingeschmiedete Dung hsiung frei.
  • KA I, 23 (KB): Todkranker, der sich schon Genosse des Todes glaubt, findet Rettung und lebt bis ins hohe Alter von 90 Jahren.
  • KA I, 30: Wo der berühmteste Arzt keine Hilfe mehr kennt, und keine Arznei mehr rettet, da kommt aus dem Heiligen die Rettung. (vgl. KA I, 32)

Geschieht in diesen Fällen die Vergeltung im gegenwärtigen Leben (gembō), so spielt natürlich in den Erzählungen eine große Rolle die Vergeltung nach dem Tode. Sorgfältige Betrachtung wird hier wohl zwei Dinge voneinander scheiden: erstens Erzählungen kommend aus dem, was um den Tod her erlebt wird, zweitens das Ingwa-Erlebnis. Gute Beobachter des Chinesischen haben gesagt, daß dem Chinesischen die Geschichte wie auf breiter gemeinsamer Ebene sich breite; ihm leben die Ahnen noch immer, wenn auch fernergerückt.
Im buddhistischen Bereich ist es ähnlich: die Vorstellung, daß es mit dem Tode aus sei, ist die ungewöhnliche; eben daß es wie im Leben weitergeht, macht die Beschwer. Leben und Nach-dem-Tode sind nicht wie bei dem modernen Abendländer getrennt. Das große primäre Erlebnis ist das Erlebnis des Ingwa, das Erlebnis, daß jede Tat ihre Frucht hat, daß Gerechtigkeit, daß ein Sinn in der Welt ist. Einerlei wann, einmal findet alles seine Beurteilung; einmal gewiß, kommt man vors „Amt“ (das ja beim Chinesen und auch sonst, wo es recht darum steht, immer etwas Himmlisches, Metaphysisches in sich trägt), und das Amt spricht dann öffentlich – auch das Öffentliche ist metaphysisch, weil allumfassend, allgültig – aus, wie die Dinge stehen.
Dieses „Amt,“ von dem fast alle diesbezüglichen Erzählungen sprechen, wird zunächst gleichsam olympisch, vom chinesischen Olymp her geschehend, vorgestellt, d. i. von dem Erhabenen mehr-als-hohen Berge her, dem Taischan, welcher sich ja, wie oben erzählt, voller Güte erzeigt und aus Fremde und Sklaverei erettet. Man mag diesen Erhabenen Berg ersteigen und mit der Gottheit dort reden: ein durch heiliges Leben gegen alle Schrecken des Numens und des Todes gefeiter Mönch, macht sich auch (in MA II, 2; FY 26; FH 8; KW 99) auf, steigt empor und bittet um Aufnahme für die Nacht, um die Gottheit, die ja „im Dunkeln wohnt,“ zu sprechen. Aber der Wächter rät ab: „ Hier ist keine Gaststatt, alle die blieben, starben jäh.“ Doch der Mönch weicht nicht. Unter Donner und Schrecken erscheint der Richter. „ Warum hast du vordem meine beiden Gefährten getötet?“ fragt der Mönch. „Als sie meine Stimme bernahmen,“ antwortete jener, „erschraken sie zu Tode; ich tötete sie nicht.“ Und der Mönch redet mit dem Gott „wie Mensch zu Mensch“ und erfährt Langes und Breites über Recht und Gericht. — Während in der einen Erzählung das „Amt“ deutlich im Norden liegt, ist es in der andern klar als unter der Erde bezeichnet; immer ist es viele Tagesreisen bis dahin; wieder in anderen Erzählungen ist es durch Meditation zu erreichen.

  • MA I, 2 (FY 95; FH 5): Der Mönch Huiju, der sieben Tage lang unbeweglich in Meditation versunken ist, schaut es und berichtet ausführlich davon.
  • MA II, 8 (FY 10; KW 297): Einer möchte einmal so gern dies Amt und die dort Waltenden sehen und sicher erfahren, ob sie existieren oder nicht. Nachdem er zehn Jahre studiert und geforscht, begegnet ihm plötzlich der Geisterkönig zu Pferde, in Gestalt eines hohen Mandarinen, mit dementsprechenden Gefolge von 50 Berittenen, gibt ihm auf Fragen genaue Auskunft, über den eigenen Namen und wo und wann er vordem (auf Erden) beamtet gewesen – was sich hernach genau bestätigt.
  • KA I, 3: Hsüan-do (Vgl. NR II, 24), ein hoher Beamter, reist zu Schiff auf dem Strom und – echt chinesisches Novellen-Motiv – lädt jemanden, den er am Ufer harren sieht, zur Fahrt ein, bewirtet ihn, unterhält sich mit ihm fragt ihn auch, wer er sei. – Ja, sagt der andere, ich komme vom Seelenlande und bin ausgesandt Hsüan-do zu holen. – Der Beamte erschrickt: „Der bin ich! Aber ist nicht irgendwie da noch etwas zu machen?“ Der Bewirtete rät ihm zum Diamant-Weisheits-Sutra.

Beim Amte werden Beamte und Richter gebraucht.

  • MA III, 24 (FY 12; KW 298): Der Präfekt Liu stirbt plötzlich, erwacht aber hernach wieder zum Leben und erzählt: als er vor das Amt gekommen sei, habe man ihn dort gebeten, eine unbesetzte Richterstelle zu übernehmen; da er jedoch immer wieder gebeten habe, ablehnen zu dürfen, habe man ihm gesagt: „Zu sterben habt Ihr nicht not; aber einstweilen seid so gut einmal und sprecht Recht!“
  • MC IV, 1 (FY 64; KW 116): Li dschï li ist ein vortrefflicher Schütze. Er wird bestellt einen Feind, der sich offenbar immer zu entziehen versteht, zu erlegen. Li weigert sich. „Vernichte ihn oder wir vernichten Dich!“ Li gehorcht und gelangt wieder zur Oberwelt.

Ungeheuer viel zu tun ist auf dem Amt; alles und jedes wird notiert und registriert; Rechtsprechung muß auf den Tatbestand sich gründen; dieser muß schriftlich fixiert und beglaubigt sein. Riesige Rechtsregister werden geführt (MA II, 19); vier bis fünf Tage allein dauert die Durchsicht der Akten (MC V, 5. Eine Geschwindigkeit von der man auf deutschen Ämtern heutzutage nicht einmal träumen darf!); alle und jedes wird verfolgt, belohnt, geahndet.

  • MC V, 11 (FY 57): Weib leistet Entgelt für die geschuldeten 100 Rollen Tuch ihres Mannes.
  • MC III, 9: Frau, die sehr viel Gutes getan, wird schon entlassen; da sie aber reine Rechnung möchte, wird ihr ihre Zweizüngigkeit vorgehalten und deshalb sieben Tage lang ihre Zunge mit Stock und Eisen fürchterlich geplagt.
  • MA III, 19 (FY 88; KW 381): „Warum hast Du die beiden Wasserbüffel getötet?,“ herrscht der Richter einen Geladenen an. „Das hat mein jüngerer Bruder getan.“ Man sieht nach in den Akten; der jüngere Bruder erscheint in der Qual
  • KA II, 20: Hannya-Frommer findet prächtige Stätte bereitet.

Oftmals geschieht es, daß der Richter fragt: „Was hast Du Gutes getan?“ und der Gerufene antwortet meist: „Arm und gering war mein Haus und Leben; einzig das Wort des Überirdischen Wissens ließ ich nicht ab zu singen.“ – „Vortrefflich, vortrefflich!“ ruft der Richter und seufzt tief auf in vor innerer Bewunderung (KA III, 2 aus KB; MC II, 2 aus KB; KA III,1 aus KB; MC II, 5) und schickt die Gerufenen wieder ins Leben zurück. — Riesig ist der Betrieb: über 100 sieht We (in MA II, 17) zur Vorführung bereit; viele Tausende sieht Kung-ko (MA II, 19).
Aller angestrebten Genauigkkeit zum Trotz, laufen bei solch großem Rechtsorganismus natürlich auch Versehen mitunter: mancher wird fälschlich herbestellt, z. B. Min (KA 1,24), der von 10 Boten fortgeleitet wird und in der Unterwelt Yü hsin, dessen Schriften er gern gelesen, zum Tier verwandelt zu sehen bekommt.

  • MA II, 9 (FY 130; KW 377 aus Ming-hsiang-dji): Sun huio po trifft, von Unterweltsboten fortgeführt, nach langer merkwürdiger Reise auf andere Boten, die auch einen geholt haben: es stellt sich heraus: bei Sun liegt eine Verwechslung vor – und er erwacht wieder zum Leben.
  • MA II, 5: Sun bau, der Fromme, Kinderliebende, stirbt; aber da noch etwas Wärme an ihm ist, begräbt man ihn nicht. Nach 40 Tagen erwacht er und erzählt. Er hat die eigene Mutter gesehen, die seit ihrem Tod im Kerker war. Als er vor das Amt kommt, findet dieses ihn ohne Schuld. „Er sei losgelassen!“ ruft der Richter. Doch Bau bleibt. „Ist die Frage gestattet?“ fängt er an. Man nickt. „ Gibt es Kwa (Vergeltung im wahren Sinne) oder nicht?“ Amt: „Was fragt ihr? Natürlich.“ Bau: „Jemand hat im Leben fast nur Gutes getan und sitzt acht Jahre im Kerker, und es ist meine eigene Mutter.“ Das Amt ist befremdet. Man ruft den Unterbeamten. Der bestellt den Registrator. Dieser geht ans Sekretariat. Man forscht nach. „Die Akten sind verloren gegangen!“ Eiligst gibt man sie los. Die Stätte der Seeligkeit gibt man ihr zu schauen.
Hölle
Chinesische Höllenvorstellung

Das Bildliche diese Erzählungen ist deutlich dem Irdischen entnommen. Vielleicht entwickelte sich zugleich mit der Erfahrung des riesigen, chinesischen Rectsorganismus, der über Provinzen, Völker und Rassen hinwegreichte, das religiös-metaphysische Ingwa-Erlebnis. Nun haben in China Amt und Gericht es selten an Belobigungen, Ehrenpforten, öffentlichen Auszeichnungen fehlen lassen; allein ebenso dringt der Chinese, in vielem dem Römer verwandt, auf strenges Recht. Viele wahre und übertreibend-unwahre Geschichten sind darüber im Westen im Umlauf. Auch geht die natürliche Inklination des Rechts, vollends in alter Zeit, zum Strafrechte hin. Das „(von Hunden bewachte oder hundsmäßige) Erdgefängnis,“ wie die Hölle chinesisch-japanisch heißt ist vom „Amt“ schwer zu trennen. Wenn nun heute noch dem Europäer vor chinesischem Kerker graust, wenn der Anblick der Strafjustiz ihm Schaudern einflößt, wie mag das alles oftmals in alter Zeit gewesen sein! Von der Hölle war es zeitweise nicht viel verschieden. Und man erzählt davon! Was die Strafjustiz in Krieg und Frieden schuf, war für die alte Zeit oftmals das, was dem heutigen Menschen zoologischer Garten oder ein Boxkampf ist. Daher die vielen Hadesberichte (KA 1,10 aus KB; I, 24, 27; II, 5; III, 1, 2. MC I, 3, 6; II 2, 5, 9, 20; III 3; IV, 1, 5; V, 3, 5, 7, 9, 11; VI, 3, 6. MA II, 16-19; III, 3, 5, 19, 21, 24 u.ä.)

Wie jene beiden Mönche der christlichen Erzählung, machen zwei Orientalen, die nicht an Ingwa glauben, aus, daß der zuerst Sterbende dem andern Botschaft bringe. Der eine fällt plötzlich vom Gefährt, und stirbt und bringt Kunde (MA II, 16).
Jemand hängt so sehr an seinem Besitz, an Reichtum und Sklaven, daß er sie sich bei seinem Tode „nachschicken“ läßt. Einer der Sklaven erwacht wieder und erzählt von der Vergeltung der Hölle. (MA II, 5; FY 50 aus MB; KW 382 aus FY; FH 8).
Einer, der schon in der Hölle gewesen, kommt (in MB) nocheinmal dahin (MC V). – Plötzlichem merkwürdigem Tod folgt oft das Wiedererwachen, die Angehörigen zaudern, den Gestorbenen in den Sarg zu legen; manchmal zeigt sich Wärme überm Herzen oder sonstwo; oder plötzlich geht durch das Bein ein Zucken. (Noch vor kurzem klopfte hier irgendwo in Japan das im feierlichen Begräbniszuge zum Grab hin getragene Mädchen an die Lade; nach genauem Bericht der Mainichi-Zeitung [1933/4 !].)

Das über die Unterwelt Berichtete ist in den Einzelheiten sehr verschieden. Doch gewisse Züge kehren immer, bzw. häufig wieder: weit ist der Weg; fern und dunkel das Land; „wie wenn man im Nebel geht, ist es“ (MC III, 3); Boten stehen plötzlich da und holen den Geladenen mit sich fort; steil ist der Hang, tief und dunkel das Wasser. Endlich taucht das Amt auf. Riesig ist die Anlage: Tore und Mauern und fern wieder Tore und Mauern. Man wird vor den Richter geführt. Zittern ergreift die Seele. Dies irae, dies illa … ! Wunderbare Rettung geschieht. Aber Ort an Ort zeigt sich Qual, Strafe, Marter. Irrend durch diese Schauder hört Jin-i-fang wie von Himmelhöhen her wie Glöckleinsklang heilige Worte intoniert; er folgt der erst kaum hörbaren Stimme; sie wird deutlicher und führt ihn zuletzt in die vollkommene Helle zurück (MC III, 3; FY 36; KW 382).

Ist in all diesem das Ryō-i-ki den chinesischen Quellen auf engste verwandt, so ist es drittens in andrer Hinsicht eine völlig andre Welt: jene Quellen sind chinesisch; das Ryō-i-ki ist japanisch.
Wer die beiden Länder kennt, sieht und merkt dies aus Schritt und Tritt; wer die beiden Sprachen spricht und liest, dem sagt es jeder Laut. Es ist ein Unterschied wie zwischen Griechen und Römern. Dort liegt der Wasserbüffel im Reisfeld, den man in Japan gar nicht kennt; da trabt das Eselchen übers chinesische Land; das schwarze Schwein, die Schar der Hunde belebt das Dorf; Schafe und Ziegen sind zahlreich. Wer sollte die ungeheuren Weiten durchmessen, Kriegszüge führen ohne Pferde? Das Ryō-i-ki erwähnt kaum einmal ein Pferd (die zwar bekannt, aber auch erst nach 700 allgemein als Lasttiere gebraucht wurden). Meist erzählt es vom Ochsen. Das starke mächtige Tier vor dem zweirädrigen Karren wird dem durch Japan Gereisten unvergeßlich sein. Von Krabben und Fischen ist viel die Rede. Den Chinesen sind sie nicht so wichtig. Ihnen ist das Meer, was den Römern der Erdkreisstrom, wohl bekannt, aber gleichsam peripherisch. Ströme, deren Größe nur der kennt, der sie befahren hat, sind ihnen, was anderen das Meer, Ströme, durch riesige Gebirge sich drängend, Schluchten durchströmend, in den riesigen Ebenen unüberschauber breit wie Seen strömend. Derlei kennt das Ryō-i-ki nicht. Aber das Meer ist ihnen vertraut, indbesonders das zwischen Settsu (Ōsaka) und Awaji buchtartig lagernde. Berge sind zahlreich im Ryō-i-ki; aber es sind nicht die Riesen Chinas. Hügel galten in jener Zeit für Alpen. Tausende, zehntausend Meilen weite Reisen kennt nur China. Die Erzählungen des Insellands aber führen über die See, über die Meerenge zum Kontinente, der noch wie eine Sage anmutet. Das Volk der Seefahrer, dessen die Gefahr die Isolation ist, zeigt sich deutlich.

Wie die Natur, so der Mensch, so das Geschichtlich-Gewordene. Man blicke auf die Bauten! Die japanischen Forscher sagen mit Recht, daß sich in den Ryō-i-ki-Berichten die Gebäude der Nara-Zeit zeigen. Man achte einmal, was da gesagt wird. Wie dürftig ist, was erscheint! Es ist, als wolle man frühmerowingische Bauten mit solchen der Ägypter und Römer vergleichen. Vor Wen's Bett stehen plötzlich zwei Dämonen und rufen ihn zum Hades-Amt. Weit ist das Feld. Eine Tscheng (Burg, Stadt) taucht auf, mit riesigen geraden Mauern; sechsstöckig erheben sich die Aufbauten. Es geht durch das erste Tor, dann kommt lange nichts, und dann komm das zweite Tor, und dann kommt wieder lange nichts und dann kommt das dritte Tor. Die Tore sind voneinander vier Meilen entfernt. So geht es durch ein viertes, fünftes, sechstes Tor. Sie sind drei Meilen voneinander entfernt. Dann taucht der riesige Palast im mächtigen Quadrat auf. Zahllos sind die Wächter, die wachthaltenden Krieger. Das ist China; das mag Tschangan [Chʼang-an] oder heute Peking noch sein. Das Ryō-i-ki kennt solche Eindrücke nicht.

Danach achte man auf Staat und Amt, auf die Verwaltung und Rechtsprechung! Es genügt, noch einmal auf das oben durch Beispiele gekennzeichnete chinesische Bild zu weisen; das Ryō-i-ki spricht für sich durch Fehlendes deutlich genug. Welch umfangreiche, ausgebildete Organisation im Chinesischen! Welcher Apparat von Beamten! Es schwirrt von Unterbeamten: hundert, zweihundert sieht der Geladene auf den ersten Blick. Welche Abstufungen! Welche Register! — Die genauen Daten und Angaben, die wir weglassen müssen, würden natürlich diese Dinge noch viel stärker hervorheben.

Doch nicht nur die äußere Form ist derartig ausgebildet; auch das innere Wesen zeigt sich bedeutender geformt, gewachsen, gebildet. Wenn wir diese chinesischen Erzählungen lesen, fallen uns wie von selbst manche der alten Volksgesänge des „Buchs der Lieder“ ein; die Stimmung der großen Han-Zeit-Lieder kehrt ein. Von der Welt dieser Erzählungen ist nur ein Schritt zu Tau yüan ming, Mong hao jan und Wang we, über denen sich dann die großen unsterblichen Dufu und Litaibe erheben. Im Ryō-i-ki sind wir in einem anderen Bereiche. Recht und Amt, Verkehr und Sitte sind noch in den frühen Anfängen; die Poesie, die Kunst ist im Erwachen; Ethos und Religion sind noch jung. Manyōshū einerseits Kojiki, Nihongi, Norito andrerseits geben hier die Lebensspäre.
Eigentümlich typisch gibt so das Ryō-i-ki von der ihm eigenen Seite her das Bild der Nara-Rezeption.


Anmerkungen

1) Ebenso war Kyōkai das chin. Panjo Yenji bekannt. Zu dieser chinesischen Legendenliteratur vgl.:

  • ; The Early Chinese Miracle Tale: A Preliminary Survey; JAOS, Vol. 103 (), No. 3, S. 183-200
  • ; Miraculous Retributon: A Study and Translation of Tang Lin’s Ming Pao Ji; Berkeley  ]