Myōhōrenge-kyō, das Lotus-Sutra

Exkurs zur Sammlung buddhistischer Legenden, dem Nihon Ryōiki

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Fumon-bon
Śhakya lehrt die versammelten Gottheiten, zuvorderst Mujin'i. Die Szene der 1257 von Sugawara Mitsushige gefertigten Bildrolle zeigt den Beginn des 25. Kapitels des Lotussutra, dem sogenannten „Fumon-bon,“ das Kannon gewidmet ist. Diese prächtige Emaki mit 33 Bildern gehört seit 1953 dem Metropolitan Museum, Boston.

Das Lotus-Sutra, von H. B. als „Gesetzesblüten-Sutra“ bezeichnet, mit 69384 Zeichen, heißt bei Kyōkai „Hokke-Sutra“ bzw. „Hokke-kyō“ (法華經). Gemeint ist immer das Saddharma-puṇḍarīka-sūtra. (सद्धर्मपुण्डरीकसूत्र; Ch. (pinyin): miàofǎ liánhuá jīng)

Die heute übliche japanische Bezeichnung lautet: Myōhōrenge-kyō. Das Lotus-Sutra ist wohl das einflußreichste und populärste Mahāyāna-Sutra in Ostasien überhaupt. Der Schöpfer ist nicht bekannt, auch deshalb weil verschiedene Teile über einen langen Zeitraum zusammengeführt worden sind.

Das „Lotus-Sutra“ legt die Grundideen des Mahāyana-Buddhismus in prächtigen, teils extravaganten, aber verständlichen Worten und Bildern dar, zeigt mit überzeugenden Argumenten die göttliche Heilsgegenwart im Diesseits auf und mit visionärer Phantasie die Erlösungspracht in jenseitigen Buddhawelten. In dieser letzten und vollendetsten Predigt des historischen Buddha Śakyamuni werden den Gläubigen, die auf die Wahrheit dieses heiligen Texts bauen, die unermesslichen Segnungen, Schönheiten und der Reichtum des Heilsziels in den schillerndsten Farben vor Augen geführt. Der Leser des Sutras verliert rasch die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Realität und Vision, zwischen Existenz und Auslöschung, zwischen Heiligem und Profanem. … Allein die Tatsache, daß der Text entgegen traditionellen dogmatischen Lehrmeinungen auch Frauen die Aussicht auf Erlösung gewährt, verhalf dem Lotus-Sutra während der späten Heian-Zeit (10. bis 12. Jahrhundert) in Japan zu großer Beliebtheit.
Lotus-Sutra Padgode
Kinji hoto mandara (Lotus-Sūtra aus Goldenen Zeichen als Padgode; um 1200. Myoho-ji, Ōsaka)

Der Buddha soll die Lehrrede auf dem Geierkulm vor einer unendlichen Zahl von Lebewesen aller Art gehalten haben. Es setzt zwei Schwerpunkte, zum einen, daß es für die Anhänger des WEGes nur ein Ziel gibt: die Buddhaschaft. Zweitens, die ältere Vorstellung, daß es auf dem WEG drei drei Strömungen, nämlich „Hörer“ (Śrāvakas, synonym mit Hinayanisten), Pratyekabuddhas und Bodhisattvas gäbe, wird als „Geschicktheit der Mittel“ (方便, hōben) erklärt, die der Buddha in alter Zeit (früheren Leben) genutzt habe, um sich den Verständnisfähigkeiten seiner Hörerschaft anzupassen. Auch sein jetziges menschliches Leben sei nur eine Illusion zu diesem Zweck. Zur Bestätigung erscheint während der Predigt eine riesige juwelenbesetzte Pagode (Stupa). Buddha wird nicht als historische Person, sondern als Manifestation des Dharmakāya dargestellt.

Es sei nur darauf hingewiesen, daß es schon in der späten Nara-Zeit sehr populär war, was auch die vielen Legenden in Fasz. III zeigen. Seine Vervielfältigung galt als besonders verdienstvoll. Auch war die Kenntnis einzelner Kapitel dieses sehr umfangreichen Sutras eine Vorbedingung der Ordination zu Kyōkais Zeit. Dem Sutra an sich werden Wunderkräfte zugeschrieben. 129 derartige Legenden wurden von Chingen im Hokkegenki 1040-4 gesammelt. Die Sanron-Schule hatte in ihrem Gründer Jízàng (Parthischer Abstammung in Jinling (heute Nanking) geboren. 吉蔵, jp.: Kichizō. Auch: Khi-tsang = Kia-siang Ta-shi 549-623) einen Verfasser von vier Kommentaren, der zwischen 605-18 2000 Abschriften des Sutras hergestellt haben soll. Ebenso hat der erste Hossō-Patriarch, Kuījī, (窺基. Auch Kw'ei-ki = Ts'ze-ngan, jp.: Jion Daishi; 632-82. Seine Interpretation unterscheidet sich vom früheren chinesischen Yogācāra des Paramārtha.) vier erklärende Werke verfaßt. Auch auf die Yamabushi des Shugendō unter den Nachfolgern von En'no hatte das Sutra großen Einfluß. Auf seine Bedeutung zur Kamakura-Zeit (Nichiren) und für die „neuen Religionen“ des 20. Jahrhunderts (z. B. Soka Gakkai oder Risshō kōsai kai) kann hier nicht eingegangen werden.

Selbstverbrennung
Selbstverbrennung, Rechtfertigung dafür herleitbar aus Kap. 23 des Lotus-Sutras.
Abschrift Nara-Zeit
Lotus-Sutra (Abschrift der Nara-Zeit).

In seiner heutigen Form umfaßt der Text 28 Kapitel (skr.: varga, ch. p'in; shō bzw. hon) in 8 Faszikeln, (ch.: chüan, jp.: kan) deren Sanskrittexte im wesentlichen in drei zeitlichen Abschnitten entstanden. Die Verse des Teil 1 (Kapitel 2-9) waren etwa 50 v.u.Z [nach andrer Meinung 40 u.Z.] abgeschlossen, dessen Prosa etwa 50 Jahre später. Der zweite Teil (Kapitel 10-20/21), wurde bis etwa 100 vollendet, wobei das Kapitel 12 Daibatta (skr. Devadatta) eine spätere (ch.) Einfügung ist, der dritte Teil (Kapitel 21-28) war bis 150 [220] u.Z. komplett.1 Kapitel 1 enthält eine spät entstandene Einführung, die die ersten beiden Teile verbinden soll. Kapitel 2 mit 9 sind die ursprünglichen Abschnitte und auch in sich zusammenhängend. Kapitel 10 mit 21 (Nyōrai jinriki hon) – ohne 18, Zuiki kudoku hon – wurden von einer Gruppe von Verfassern angefügt, wobei 10 (Hosshi hon), den Verdienst des Sutrakopierens besonders betont. Diese beiden Teile sind hauptsächlich mit dem Dharma und dessen Weitergabe befaßt. Die Kapitel 23–28 enthalten spezielle Glauben wie z. B. Kap. 23 die Lehre vom Medizin-Buddha (Yakushi-Bosatsu), 24 die 16 Arten des sammai des Myō-on-Bosatsu. Kap. 252 beschäftigt sich mit den 33 Transformationen von Kannon, 26, das Dharani-Hon, mit dem Verdienst der Verbreitung des Sutras und der Rezitation verschiedener Dharanis. Im 27. Kapitel (jp.: Myō shōgon ō honjin hon) wird die Bekehrung eines Königs durch seine Söhne beschrieben. In China gibt es noch ein 29. Kapitel, das Miao-fa lien-hua-ching tu liang t'ien-ti p'in ti erh-shih-chiu, das die Verbreitung des Lotus in den Himmeln und auf Erden abdeckt.
Einige Quellen bezeichnen das Ananta Nirdeśa Sūtra (Übs.: Dharmāgatayaśas; 無量義經, ch. (Pinyin): Wú Liáng Yì Jīng, jp: Muryōgi Kyō, engl.: Innumerable Meanings Sutra; T. 276, NJ 133) und das Samantabhadra-Meditations-Sutra, (普賢經, ch. (Pinyin): Pǔxián Jīng, jp: Fugen Kyō) als Vor- bezw. Nachspann.

Die chinesische und japanische Kommentarliteratur ist zu umfangreich, um sie hier detailliert aufzuführen. Kumerajīva’s Schüler Tao-shang – einer der „vier heiligen Philosophen“ (von Kwang-chung) – half nicht nur bei der Übertragung, sondern verfaßte auch den ersten ch. Kommentar: Miao-fa lien-hua-ching-su. Weitere Kommentatoren des 5. Jhdts. waren Liu-k'iu (8 Fasz.; ?479-95) und Fah-yun (8 Fasz.; ?502-29). Innerhalb des T’ien-t’ai/Tendai haben die Texte von Chih-i (智顗) – das 妙法蓮華經文句, meist nur 文句 genannt und das 玄義 besondere Bedeutung.3 Für Nichiren’s Anhänger gehört das Sutra gar zu den zentralen Glaubenssätzen.4 Die Geschichte der Rezeption des Lotus-Sutra (und des damit teilweise zusammenhängenden Kannon-Kults) in Japan füllt eigene Monographien und wird hier nicht genauer betrachtet.5

Es dürfte sich von selbst verstehen, daß die Vielzahl heutiger Sekten in Japan, sich auf teilweise unterschiedlich tradierte Versionen des Sutras stützen. Erstmalig verglichen wurden die verschiedenen Manuskripte (17 7-kan-Versionen, 59 8-kan-Versionen) vom Tendai-Mönch Shū-en (= Shin-a, 1786-1859). Dieser bereiste zu diesem Zweck ganz Japan, kopierte sämtliche Texte und gab dazu Hokkekyō kō (gedr. 1840) sowie Sankehon Hokkekyō heraus.

Manchmal wird das Lotus-Sutra, besonders im Zusammenhang mit der Tendai, auch als Ichijōkyō („Sutra des einen Fahrzeugs“) bezeichnet. Als die vier wichtigsten Kapitel (四要品) nach Tendai-Lehre gelten 方便品, 安樂行品, 壽量品 und 普門品. Die Nichiren-shū setzt 勸持品 an die zweite und 神力品 an die vierte Stelle.